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  • Die Vögel des Zufalls

    Björn Vedder

    Ein ver­bind­lich­er Aus­druck des Zufäl­li­gen prägt auch die Por­traits von Oliv­er Mark. Die Auf­nahme von Rain­er Maria Kar­din­al Woelki (2012) ist z.B. nach einem Shoot­ing für Die Zeit entstanden. Mark war die Spielothek, vor der er Woelki ablichtete, schon auf dem Weg zum Shoot­ing aufge­fallen. Er war­tete aber die geplanten Auf­nah­men ab, um ein­en entspan­nten Woelki dann erst auf dem Rück­weg zu sein­er Wohnung im Wed­ding anzuhal­ten und spon­tan zu knipsen. „Kar­din­al Woelki, dre­hen Sie sich mal um!“ Woelki lacht – und das Bild ist fer­tig. Wie bei Lay war auch hier die spon­tan wirkende Auf­nahme lange geplant und vorbereit­et. Marks Por­trait des Künst­lers Tobi­as Hant­mann (2020) hatte ein­en ähn­lich lan­gen Vor­lauf und kom­bin­iert eine Land­schafts­ser­ie von Mark mit sein­en Künst­ler­por­traits. Die Land­schafts­ser­ie heißt Die Zeit machen wir später aus und por­trait­iert Orte im Wan­del, z.B. Baus­tel­len wie hier des Axel Spring­er Neubaus in Ber­lin. Die ein­zelnen Bilder hal­ten ein­en Blick fest, den es so nur kur­ze Zeit gibt und der dann ver­schwin­det. So ein­en Blick zeigt auch das Por­trait von Hant­mann, den Mark auf ein­er Party kennen- gel­ernt und dann instru­iert hatte, was er tra­gen und wohin er kom­men soll­te. Auch die Beleuch­tung der Auf­nahme ist präzise geset­zt (Tages­licht von rechts, Gegen­blitz von links). Die Tasche hat Hant­mann aber selbst mit­ge­b­racht. Mark hatte sich nur irgendein Accessoire gewün­scht. Dieses zufäl­lige Requis­it ent­fal­tet jedoch eine große Wirkung, weil es die Hal­tung Hant­manns bestim­mt und ein­en starken farb­lichen Kon­trast im fast mono­chro­men Bild set­zt. Woel­kis Spielothek und Hant­manns Tasche zei­gen, wie auch in Marks Auf­nah­men die Anbrandun­gen des Zufalls das Bild bestimmen.

    Die Vögel des Zufalls ist eine Aus­s­tel­lung kur­atiert von Thomas Zitzwitz in der Galer­ie Norbert Arns in Köln, vom 18.11. – 10.12.2022.

    Wim Del­voye, FORT, Gregor Hildebrandt, Robert Kraiss, Alicja Kwade,
    Alwin Lay, Oliv­er Mark, Anna Vir­nich, Thomas Zitzwitz


  • Der besondere Kick – Die Portraits von Oliver Mark

    Claudia Kursawe, PHOTONEWS Oktober 2021

    Photonews-Artikel: „Der besondere Kick – Die Portraits von Oliver Mark“.

  • Krisen beziehen sich grundsätzlich immer auf die Abweichung von der Normalität

    blog.fotogloria.de


  • In eure Hände seien sie gegeben. Betrachtung von Oliver Marks Fotografie “Die Hände von Jenny Holzer”

    Georg Maria Roers SJ, Stimmen der Zeit.


  • „Alles fließt“ – Oliver Mark, Sibylle Springer und Sonja Ofen in der Gallery Lazarus Hamburg

    Isabelle Hofmann, kultur-port.de.


  • Oliver Mark über das Scheitern

    Till Schröder, adc.de, 17.06.2019.


  • „no show. Oliver Mark“ – Porträtfotografien von Oliver Mark in der Bamberger Stadtgalerie Villa Dessauer

    Der Neue Wiesentbote, 10.05.2019.


  • Porträts von Oliver Mark. Spiele eines selbstbewussten Künstlersubjekts

    Frauke Maria Petry, Monopol Magazin.

    Monopol-Artikel: „Porträts von Oliver Mark“.

  • Portrait des Fotografen als Portraitist

    Christoph Peters, No Show. Distanz Verlag, Berlin 2019, ISBN 978–3‑95476–281‑1.

    Sow­ieso ist alles eine Frage des Lichts. Es fällt von links auf breit­er Front in den großen Raum, der zugleich als Stu­dio und Büro, und Galer­ie dient. Genau­gen­om­men müsste ich sagen: Es würde fallen, denn der Foto­graf, der mir bar­fuß in weißem T‑Shirt und ver­waschen grauer Hose die Tür öffnet, hat vor den Fen­stern im Mit­telteil dichte, schwar­ze Vorhänge zugezo­gen. Nur vorne, im Bereich des Schreibt­ischs, gleich hinter dem Eingang, darf das Licht unge­hindert here­in­brechen, dann erst wieder am Ende des Raums, wo die Sonne jet­zt, am frühen Mor­gen, eine Gruppe von drei Eis­bären aus Porzel­lan je nach Blick­winkel iron­isch oder dram­at­isch in Szene set­zt. Sie stehen auf einem Sock­el vor der eben­falls schwarz ver­hängten Rück­wand und brül­len gemein­sam den Him­mel an. Der Foto­graf fragt, was er mir zu trinken anbi­eten darf? „Gern ein­en Espresso “, sage ich. Wenig später bringt er mir aus der Küche den Espresso in einem Mokkatässchen aus Meiss­ner Porzel­lan. Ich kenne das Dekor, es heißt Reich­er Hof­drache und wurde 1730 nach japan­is­chen und chin­es­is­chen Vor­bildern für die könig­liche Tafel August des Starken ent­wor­fen, bis 1918 war es aus­schließ­lich dem Hof vorbe­hal­ten. Offen­bar teilen wir die Liebe zum Porzel­lan – zu Fig­uren und Geschirr gleich­er­maßen. Ich kenne sonst niemanden, der sich dafür begeistern kann. Die Wand den Fen­stern gegenüber ist bis unter die Decke mit Bildern gefüllt – hauptsäch­lich zeit­genöss­is­che Maler, die jedoch geradezu ent­ge­genge­set­zten ästhet­ischen Pos­i­tion zu fol­gen schein­en: Gestische Abstrak­tion fin­d­et sich neben Fig­ur­at­ivem, poet­isch Sur­reales fol­gt auf col­lageartige Kom­posi­tion­en. Dazwis­chen Foto­grafi­en, ein Barock­por­trait, sow­ie eine alte Madonnen­fig­ur aus far­big gefasstem Holz. Auf dem Bord dar­unter Klein­plastiken und ein sauber prä­par­iert­er Pfer­deschädel. Fast der ges­amte Boden im hinter­en Teil wird von einem anti­ken Her­iz Tep­pich in war­men Rot‑, Beige und Blautön­en bedeckt, so dass ich mich endgültig wie zu Hause fühle. Er endet vor einem breit­en Leder­sofa, das zugleich als Andeu­tung eines Raumteilers dient. Hier und da ein anti­ker Stuhl oder Tisch, jedes Stück einem ebenso eigen­wil­li­gen wie undog­mat­ischen Geschmack ents­prechend ausgewählt.„Lass uns kein Geb­rauch­s­por­trait machen, son­dern etwas anderes ver­suchen“, hatte ich dem Foto­grafen am Tele­fon gesagt. „Ist mir recht“, hatte er geant­wor­tet. Ich bin in einem graugrün­en Cord­anzug gekom­men und habe ein­en Rollkof­fer voller Kleider mit­ge­b­racht: den Fez, den mir mein türkischer Sufi-Sheikh vor zehn Jahren aufge­set­zt hat, dazu weite osman­is­che Hosen und das passende Hemd; Kur­ta Shal­war – die tra­di­tion­elle pakistan­is­che Kleidung –, mit buntem Schal und Turban; dann den Kimono, den ich bei der japan­is­chen Teezere­monie trage. Außer­dem habe ich ein­en pakistan­is­chen Geb­et­step­pich, mein­en Tes­bih und den japan­is­chen Fäch­er dabei. Der Foto­graf reagiert nicht im Ger­ing­sten ver­wun­dert oder gar befrem­det, als ich ihm zeige, was sich im Kof­fer befin­d­et, im Gegen­teil: Er scheint es völ­lig nor­mal zu find­en, dass jemand derlei Dinge für eine Por­trait anschleppt, das keineswegs der Ankündi­gung eines Masken­balls oder ein­er Faschings­sitzung dient, während ich mir in diesem Moment die Frage stelle, ob es Kostümier­ungen, Iden­titäten oder doch Ver­such­san­ord­nun­gen sind? Ich den­ke: Viel­leicht macht er deshalb so gute Por­traits, weil er sein Gegenüber nicht wer­tet, son­dern ein­fach nur hinsch­aut, ruhig und aufmerksam, mit der mel­an­chol­ischen Dis­tanz dessen, der schon viel gese­hen hat. Der Foto­graf sagt: „Ich nehme lieber Tages­licht – ohne Blitz“. Das hin­wie­der­um erstaunt mich, ich hatte eher mit ein­er com­putergesteuer­ten Anlage aus hinterein­andergeschal­teten Blitzen und Reflekt­orschir­men gerech­net, mit der jede Som­mer­sprosse auf mein­er Nase poren­tief aus­geleuchtet worden wäre. Die Ruhe, mit der er den Grauver­lauf auf einem großen Papi­er­bo­gen für den Hin­ter­grund aus­richtet, die Vorhänge ein Stückchen weit­er zuzieht, dam­it das Licht den richti­gen Weg nim­mt, die Pos­i­tion der beiden Hock­er festlegt – ein­en für mich und ein­en für sich –, das Stat­iv samt Kam­era pos­i­tioniert, über­trägt sich auf mich. „Ich würde gern ein­fach mal den Fez mit dem Anzug probier­en“, sage ich. „Es gibt ein Por­trait des russ­isch-jüdis­chen Schrift­s­tellers Essad Bey, der mit siebzehn zum Islam kon­ver­tiert ist, aus den 20er Jahren, da sitzt er genau so gekleidet im Café Kran­z­ler, und es sieht irgend­wie schräg aus.“ Der Foto­grafen nickt: „Finde ich gut“, sagt er. Der Grün­ton meines Anzug bil­det mit dem dunklen Rot des Fez, dem hell­blauen Hemd und der gestreiften Krawatte, ein­en schön­en Klang. Den­noch, oder viel­leicht gerade deshalb, will er hauptsäch­lich Schwar­z­weißb­ilder machen.Draußen schieben sich Wolken vor die Sonne, mit einem Mal ist es ein­ige Stufen dunk­ler im Raum, das Licht nicht mehr scharf son­dern gestreut. Während ich erzähle, wie ich an die unter­schied­lichen Kleidungsstücke gekom­men bin, was sie für mich bedeu­ten, bei welchen Gele­gen­heiten ich sie ben­utze, ist der Foto­graf dam­it beschäftigt, das Licht an dem Platz, auf dem ich sitzen soll, den ver­änder­ten Gegeben­heiten am Him­mel anzu­passen. Jede Ver­än­der­ung der Vorhang­pos­i­tion hat Aus­wirkun­gen auf den Hin­ter­grund, auf die Schat­ten und Lini­en in meinem Gesicht. Ich lehne mich etwas vor, rücke ein Stück nach links. Alles, was er tut, wirkt selt­sam beiläufig, hat nichts von der über­span­nten Erre­gung Hek­tik, die man in einem Fotostu­dio erwar­tet.  Noch immer­scheint es, als wäre das, worüber wir reden, das Eigent­liche, und die Bilder, die gemacht wer­den sol­len, stell­ten eher ein Neben­produkt dar. Mein Blick bleibt an einem Louis XVI Ses­sel mit oran­gero­tem Samt hän­gen, der in der hinter­en Ecke steht, und den ich vor laut­er Kunst über­se­hen hatte. Mir fällt das Foto von Essad Bey im Café Kran­z­ler wieder ein: „Lass uns doch den neh­men, das wäre viel­leicht lust­ig“, sage ich und deute auf den Ses­sel. Ich sehe im Gesicht, den Augen des Foto­grafen, wie er die Vor­stel­lung von mir mit dem Fez im Anzug auf dem Ses­sel mit der Idee des Bildes in seinem Kopf ver­gleicht, sehe, wie sich Skep­sis und Ein­ver­ständ­nis abwech­seln. Schließ­lich wil­ligt er ein, und wir tauschen mein­en Hock­er gegen den Ses­sel aus. Ich sitze jet­zt etwas niedrig­er als zuvor, so dass er Vorhang, Hin­ter­grund und Stat­iv neu justier­en muss. „Warte mal ein­en Moment“, sagt er und ver­schwin­det in die Küche. Ich höre das Mahl­werk der Espressomaschine, dann das Brummen, während der Kaf­fee durch­fließt. Mit einem ander­en, offen­kun­dig eben­falls kost­bar­en Mokkatässchen in der Hand kehrt er zurück. Es hat eine hohe Bie­der­mei­er­form, weiß mit sen­krecht­en Gold­streifen und drei klein­en Löwen­füßen. „Du musst den Kaf­fee nicht trinken, aber viel­leicht kannst du die Tasse vor der Brust hal­ten“, sagt er.  In diesem Moment bin ich ganz sich­er, dass Essad Bey auf dem Foto auch eine Mokka­tasse in der Hand hält – wenn nicht das gleiche Mod­ell, dann zumind­est ein sehr ähnliches.„Wo kom­mt das her – welche Man­u­fak­tur?“ frage ich. „KPM“, sagt der Pho­to­graph. „Das passt doch per­fekt“, sage ich.„Kannst du die Tasse noch ein bis­schen nach vorn nei­gen, dass man den Kaf­fee auch sieht? Und den Kopf ein klein wenig nach rechts.“ Sein Blick auf mich, mein Blick in die Kam­era, an der Kam­era vorbei, auf ihn, während der Ver­schluss klickt – wieder und wieder und wieder.Christoph Peters, No Show. Dis­tanz Ver­lag, Ber­lin 2019.


  • Oliver Mark – Social Stills

    Carolin Hilker-Möll, No Show. Distanz Verlag, Berlin 2019, ISBN 978–3‑95476–281‑1.

    Wer sind wir und wenn ja, wie viele? Was möcht­en wir sein, was macht uns aus, wie wollen wir gese­hen wer­den? Oliv­er Mark ist ein Meister der Menschen-Foto­grafie. Seine Porträts erzäh­len Geschicht­en von Ver­frem­dung, Über­la­ger­ung, Zer­split­ter­ung, Auf­spal­tung, Dop­pe­lung, Ver­schnürung, Ver­pack­ung, Schau-Spiel – und geben dabei oft mehr pre­is als gewollt, sowohl über den Porträtier­ten als auch den Foto­grafen. Die sorgfältig inszen­ier­ten Momen­tauf­nah­men weis­en als „social stills“ über sich hinaus: Sie ana­lysier­en den Menschen, sie verorten seine Rolle in der Gesell­schaft, es sind Spiegel­b­ilder. Oliv­er Mark ist ein Menschen-Sammler: Künst­ler, Maler, Bild­hauer, Schaus­piel­er, Musiker, Philo­sophen, Politiker, Theat­er- und Film­re­gis­seure, Schrift­s­teller, Modedesign­er, Fam­i­li­enauf­s­tel­lungen… Immer fin­d­et er den beson­der­en Moment, man spürt die Ver­bindung von Foto­graf und Gegenüber. Konzentrierte Nähe wech­selt sich ab mit fast bedeu­tung­süber­laden­en Inszen­ier­ungen und gewollt beiläufi­gen Bildern. Oliv­er Mark ist ein Rah­men-Künst­ler. Durch sein ges­amtes foto­grafisches Werk zieht sich der Bilder­rah­men als Motiv, als Stilmit­tel, als Span­nungs­ge­ber, als Begren­zung und Botschaft. Sei es das kun­stvolle Still­leben der leer­en Rah­men, die mit ihren schwar­zen Flächen auf das titel­gebende „Nicht-Erschein­en“ ver­weis­en oder das Arrange­ment sein­er Arbeiten in üppig ver­gol­de­ten Barock- oder anti­ken Ovalrah­men: Die dadurch erzeugte assozi­at­ive Nähe zur Alt­meister­malerei – ver­stärkt durch das immer wieder­kehrende Motiv der Hände oder durch Van­itas-Zit­ate im Bild – ver­fehlt ihre nobil­it­i­er­ende Wirkung nicht, gerade auch wenn sie wieder iron­isch gebrochen wird. Oliv­er Mark ist ein Charak­ter-Such­er. Da, wo er fündig wird, wo er am meisten bei sich ist, am stärk­sten, am dich­t­esten, da wird ein Gesicht zum Ant­l­itz, in dem sich unsere Zeit spiegelt. Mit Wucht trifft den Betrachter die Intim­ität des Moments und man ist froh, diesen Moment teilen zu dür­fen. So bei Louise Bour­geois, die Oliv­er Mark 1996 als 85-jährige in New York foto­grafiert: Ihr Gesicht ist eine Landkarte ihres Lebens, jeder Kampf hat seine Spuren hin­ter­lassen. Die Augen fast geschlossen, der Fok­us liegt auf den Händen der großen Künst­ler­in, Aus­druck ein­er Epoche. Wir sehen ein­en „Menschen des 20. Jahrhunderts“.