Kanya Kage Art Space, Berlin 2021

MUSEO

7 Octo­ber 2021 until 14 Novem­ber 2021

Lehr­s­tunde

Autoren kennen das, die Angst vor dem leer­en Blatt, das vor­wurf­s­volle Blinken des Curs­ors, der auf der Stelle wie festge­froren ver­har­rt. Maler kennen ihn auch, den Hor­ror vacui, die Pan­ik angesichts der Leere ein­er unber­ührten Lein­wand. Foto­grafen eher nicht, schliess­lich zeigt der Such­er stets ein Gegen­bild. Muss ja nicht schön sein, aber ist eben da – leer­er Akku oder ver­gessene Ver­schlusskappe mal außen vorgelassen. Sowas passiert einem ser­iösen Daguerreotyp­isten natür­lich nicht.

Oliv­er Mark nun packt die Leere bei den Hörnern – und das mit­ten in den Tem­peln der Kun­stehr­furcht. An den Orten, in den­en gewöhn­lich die Block­buster der Kun­st­geschichte zur gefäl­li­gen Betrach­tung altar­is­iert an den Wänden hän­gen – Museen und Galer­i­en. Das Gemälde steht im Zen­trum der Flucht­linie, auf Augen­höhe der Betrachter, meist in orna­mentschwer­en Rah­men, als würde das Auge nicht schon genug Blick­führung erfahren. Das Bild wird dem Betrachter aufgezwun­gen. Flughafen­ar­chitek­turen ähnelnd endet der Weg des Besuch­ers unwei­ger­lich im Duty-free-Shop des Kun­stkan­ons, das Kunstwerk an sich füllt das Wahrnehmungsspek­trum. Man kann eigent­lich nicht vorbeischauen.

Mark aber schaut vorbei, er pos­i­tioniert seine Kam­era auf Fuss­bod­en­höhe und knipst aus Froschper­spekt­ive, ein­zig sein Porte­mon­naies als Stat­iv nutzend. Die Ent­nahme oder Zugabe von Geld­stück­en bestim­mt den Nei­gung­swinkel des Objekt­ivs und dam­it das Blick­feld. Wenn das nicht eine mess­er­schar­fen Ana­lyse des Kun­st­markts ist, eine beißende Kritik an der Deu­tung­sho­heit des Geldes, dann fresse ich eine krit­ische Ges­amtaus­gabe von Bazon Brock. Oder, Mark ist ein­fach nur gestolp­ert – und fand sich unver­mit­telt wieder in der Nis­chen­welt des Mik­rover­sums wie der ato­mar schwindende Prot­ag­on­ist in Jack Arnolds Filmk­lassiker der 1950er Para­noia The Incred­ible Shrink­ing Man. Oder, Mark hat ein­fach nur Rück­en und macht das Beste aus sein­er Situ­ation, bevor er es zum Osteo­pa­th­en schafft. Aber ich sch­weife ab.

Egal wie er zu seinem Blick gekom­men ist, die Per­spekt­ive sein­er Foto­grafi­en ver­ändert Wahrnehmung. Plötz­lich rück­en Details ins Rampen­licht: Steck­dosen, Schutzgit­ter, Luftbe­feuchter, Feuer­wehr­schläuche, Notaus­gangsschilder, Sch­euer­leisten, Abstand­hal­ter – und Leere. Die Unaufgereg­theit mono­chro­mat­isch getünchter Wände, ris­siger Kanten, dunk­ler Wände, die nur Aus­schnitte der präsen­tier­ten Bilder pre­is­geben, für die die Wand gemacht wurde. Statt im Motiv von de Chirico zu sin­nier­en, ver­liere ich mich im Capriblau der Wand­farbe, die das Foto domin­iert. In der Chil­lout-Zone des Pantone-Raves ein­fach mal nichts erkennen, die Grav­itas des Gemäldes ignor­i­er­en, nur Leere mit den Augen ertasten.

Das hat nicht nur ein­en med­it­at­iven Effekt, es rekon­tex­tu­al­is­iert Kunst. In dem Moment, wo man sich der Stützräder der Präsent­a­tionsmodi gewahr wird – die Stell­wände, Absper­rungen, Bewe­gungs­meld­er, Sitzbänke – geht Ben­jamins Aura des Ori­gin­als flöten. Das Kunstwerk erscheint als Geb­rauchs­ge­gen­stand neben ander­en: hier Steck­dose, dort Renais­sance. Man erken­nt wieder, dass Kunst ähn­lich wie Papi­ergeld funk­tioniert: Ihre Arte­fakte wer­den mit Bedeu­tung aufge­laden, ihr Mater­i­al­wert ist oft genug ger­ing. Ihr Schatz liegt in der gemein­samen Ver­ein­bar­ung aller, dass genau diese Kunst Rel­ev­anz besitzt.

Und im Blick­winkel. Wir sind eine optisch getriebene Spez­ies. Aus dem Auge aus dem Sinn gilt nicht nur für Klein­kinder. Wir kon­stru­ier­en Real­ität über den Sehnerv, viel mehr als über Füh­len oder Hören. Icon­ic Turn und so. Nim­mt man dem Icon­ic Turn nun die Motive, ist er dann noch exist­ent? Oder gilt Wazlawicks Ver­dikt, man könne nicht nicht kom­mun­iz­ier­en, auch in der Kunst? Man kann nicht nicht abbilden. Ist Malewitsches Schwar­zes Quad­ratnun Nat­ur­al­is­mus, Sym­bol­ismus, Abstrak­tion oder Vor­stud­ie für die Farb­fäch­er der Druc­kin­dus­trie? Die Magie des Voll­tons fasziniert. Die Abwesen­heit von Muster irrit­iert unser Gehirn, das stets nach Wie­der­erken­nbarkeit fahndet. Die Wand ans­tar­ren: Oliv­er Mark hat der Redewendung wieder neues Fut­ter gegeben – und mir den Wun­sch, beim näch­sten Museums­besuch ein­mal alles im Schneidersitz zu betrachten.

Till Schröder, Chefredak­teur der Mar­gin­ali­en und Inhab­er des Gretan­ton Verlags