Oliver Mark

 „Alles fließt“ – Oliver Mark, Sibylle Springer und Sonja Ofen in der Gallery Lazarus Hamburg 2019

Till Schröder ADC, Oliver Mark über das Scheitern Juni 2019

Oliver Mark über das Scheitern
Journalist und ADC Mitglied Till Schröder hat für uns mit Fotograf und ADC Mitglied Oliver Mark über das Scheitern gesprochen.

"Über das Scheitern" 17. Juni 2019

Oliver, heute schon die Verschlusskappe auf der Linse vergessen?
Nein, heute noch nicht. Liegt aber auch daran, dass ich zur Abwechslung einfach mal betrachte und nicht fotografiere. Befinde mich gerade im riesigen Saal des Auktionshaus Dorotheum in Wien, wo ich mir Objekte meiner Begierde anschaue.
Es handelt sich um alte Meister, ein Gemälde von Artus Wolffort (Antwerpen, 1581–1641) beispielsweise mit dem Titel „Die vier Elemente“, Öl auf Leinwand, 158 x 200 cm. Schätzwert: EUR 150.000,- bis EUR 250.000,-. Puh.
Schon mal einen Auftrag so richtig vergeigt?
Ja, in den Anfängen der digitalen Fotografie war in meiner Kamera für die JPEGs die kleinste Auflösung eingestellt. Später habe ich mich gewundert, warum die Bilder alle so pixelig sind. Mittlerweile beherrsche ich auch meine Digitalkamera!
Und danach zum nächsten Erfolg?
Ja, es geht ja immer nur nach oben in jeder Beziehung.
Objekt der Begierde lustlos, Lichtverhältnisse beschissen, betreuender Redakteur ästhetisch übergriffig: Wann ziehst du die Reißleine beim Shooting?
Champagner hilft immer!
Licht vor Ort, Laune des Objektes, Leberwerte am Auslöser: Fotografieren ist ein Produkt des Zufalls. Warum haben alle Angst vorm Scheitern, wenn es doch Teil der natürlichen Gegebenheiten ist?
Jede Werbung bewirkt unterschwellig auch Angst. Da Geld in dieser Gesellschaft alles ist, kann man durch den Besitz von Geld die Angst überwinden. Im anderen Fall ist die Angst, die sich die Werbung zunutze macht, die Furcht, nichts zu sein, wenn man nichts hat.
Die Antwort ist entliehen aus John Bergers „Sehen“.
Wenn du die Kalenderweisheit „In jedem Scheitern liegt eine Chance“ liest, willst du…?
Na scheitern!
Noch einen Tipp für gescheiterte Fotografen und ihre betreuenden Auftraggeber?
Die Seiten wechseln und Kunde werden.

Nicht von dieser Welt 
von Andreas Öhler, ZEIT Nr. 14/2019. 29. März 2019

Als Oliver Mark die steile Steinschotterstraße zum rumänischen Männerkloster Sf. Ioan Iacob Corlăţeni hinauffuhr, um für fünf Tage auf knapp 1300 Meter Höhe das Leben der Mönche in Bildern festzuhalten, ahnte er schon, dass diese Tage nicht von dieser Welt sein würden. Um seine Arbeit näher vorzustellen, zeigte der für seine Porträts bekannte Berliner Fotograf den Brüdern Aufnahmen von Angela Merkel und auch einige Hollywoodstars wie Tom Hanks, Cate Blanchett und Anthony Hopkins, die er fotografiert hatte.
"Wer sind diese Leute?", fragten die Mönche. Und meldeten, nachdem sie erfuhren, womit die Porträtierten ihr Brot verdienen, ernstliche Zweifel an, ob die Schauspieler wohl in den Himmel kämen, während sie sich ziemlich überzeugt davon zeigten, dass es ihnen selbst gelingen würde. In dem erst vor 25 Jahren gegründeten Kloster haben sich Aufstiegshoffnungen von jeglichen irdischen Belangen abgekoppelt.

Und dennoch hatte Oliver Mark, als er sich in diese bewaldete Berglandschaft in der Bukowina aufmachte, ein weltliches Ziel. Constantin-Emil Ursu, der umtriebige Generaldirektor des Bukowina-Museums, hatte diese aufregende Reise in eine religiöse Sphäre vermittelt, in der Abenteuer, wenn sie denn mal stattfinden, aus gelegentlichen Epiphanien bestehen. Zusammen mit Oliver Mark konzipierte Ursu eine Ausstellung, ein ambitioniertes Dreiländerprojekt. Seit 2016 pflegt das Liechtensteinische Landesmuseum in Vaduz mit dem Bukowina-Museum im rumänischen Ort Suceava einen kulturellen Erfahrungsaustausch. Der Bukowiner Museumsleiter sucht Anschluss an Europa, kein leichtes Unterfangen. Denn die uralte, multireligiöse Kulturlandschaft droht als Grenzregion zwischen Mittel-, Südost- und Osteuropa an den Rand gedrängt zu werden. Heute gehört die nördliche Seite zur Ukraine und die südliche zu Rumänien. Hier liegen auch die Moldauklöster, die inzwischen als Weltkulturerbe der Unesco anerkannt sind. Bis zur ukrainischen Grenze sind es 70 bis 80 Kilometer. Wer sich dort mit dem Mobiltelefon einwählen will, landet fast unweigerlich in einem moldawischen Netz. Aber WLAN, Internet, Fernsehen gibt es im Kloster ohnehin nicht. Dass es auch ohne geht, hatte Oliver Mark bereits fünf Tage vorher im Frauenkloster in Moldoviţa erfahren, in dem er in Absprache mit den Kulturbehörden und mit dem Segen des Bischof alles fotografieren, dokumentieren und ansehen durfte, mit Ausnahme des Altarbereichs hinter der Ikonostase in den Kirchen. Das traditionsreiche Kloster Moldoviţa wurde 1532 gegründet, fünf Jahre später erhielt die Anlage ihre berühmte Innen- und Außenmalerei, der sie ihren Unesco-Status verdankt. Ein kleines Museum zeigt religiöse Objekte und Handschriften aus dem 14. bis 16. Jahrhundert. Die Fresken sind eine bebilderte Bibel, die Ikonografie der Heiligen und ihrer Taten ersetzt das predigende Wort.

Mark ist kein Jäger, der Fotos schießt und Bilder zur Strecke bringt. Sein Arbeitsstil ist eher bedächtig, ein vorsichtiges Herantasten, er möchte sich einfinden und einfühlen. Undenkbar, die Nonnen und Mönche zu stören bei ihren täglichen Verrichtungen, die aus arbeiten und beten bestehen. In Kontakt mit Menschen außerhalb des Klosters kommen sie nur, wenn die Gläubigen aus den nahe gelegenen Dörfern an den Wochenenden zum Gottesdienst kommen. Mark schaffte es bei diesem Projekt, Barrieren zu überwinden, ohne Grenzen zu verletzen. "Zweifellos", sagt der Fotograf, "hat dabei geholfen, dass der Bischof hinter uns stand und die Stavrophoren, das sind vom Bischof erwählte Mönche und Nonnen, die ein Brustkreuz tragen dürfen, uns unterstützten."

Gelegentlich kam es auch mal zu kleinen Störungsfeldern, die sich aber schnell wieder auflösten. So berichtet Mark von einer älteren Nonne, die sich darüber beschwerte, dass er eine Kapelle ablichtete. Sie wies ihn zurecht. Als jedoch eine Mitschwester ihr die Lage erklärte, kam ein kleines Mirakel zustande. Der Fotograf hatte schon befürchtet, mit dieser Ordensfrau "nicht mehr warm zu werden". Da bot sie ihm am nächsten Morgen ein Glas Messwein an. "Danach wurden wir die besten Freunde", schwärmt er – sie war die Vorsteherin des Weinkellers.

Das seien, so Oliver Mark, diese kleinen Momente, derentwegen er seinen Beruf so liebt. Wenn er bei all den Persönlichkeiten aus Politik, Sport und Kultur einen Fototermin hat, inszeniert er sein Gegenüber am liebsten in dessen persönlicher Umgebung mit seinen Accessoires, er baut förmlich das Bild. In den beiden Klöstern lässt sich nichts konstruieren, eine solch situative Fotografie erlaubt nicht, mit künstlichem Licht zu arbeiten oder gar Menschen oder Gegenstände zu drapieren. Mark nutzte stets nur das vorhandene Tageslicht, das er geduldig abwartete. Er passte sich dem Rhythmus des Klosterlebens an. Wenn die Mönche von zwei bis sechs Uhr morgens beteten, war er zugegen. Der Künstler bekennt sich als Katholik, war zeitlebens neugierig auf spirituelle Welten. Er überlegt lange, bis er sich für das richtige Wort entscheidet, bevor er dann antwortet. So als sei er auch da auf Motivsuche, als betrachte er das Objekt zunächst aus verschiedenen Perspektiven, bevor er auf den Auslöser drückt.

Dass er religiös sei, habe ihm geholfen, bei den Nonnen und Mönchen akzeptiert zu werden. "Ich fühlte mich bald als Teil eines großen Ganzen, das Gefühl, als störend wahrgenommen zu werden, nimmt mit der Zeit ab." Dezent fotografierte er einmal aus fünf Meter Entfernung vom Altar eine betende Frau mit Kopftuch, die ihren Blick nach links wendete. Um sie nicht mit der Kamera abzulenken, fotografierte er sie von einem unteren Winkel aus. Das sah die Stavrophorin und bedeutete einer Schwester, Mark nach vorne zu bitten, damit er vor dem Altar fotografieren könne. Das war ein deutliches Zeichen an die Gläubigen, wie willkommen in dem Kloster Marks Arbeit war. Im Männerkloster richtete er einmal seine Kamera ein und übergab sie einem Bruder, der befugt war, den Altarraum zu betreten. Er lichtete für Mark das Allerheiligste ab, das weltliche Fotografen niemals zu Gesicht bekommen.

Ist das Kloster frei von allen weltlichen Anfechtungen? Zu wechselvoll war die Geschichte in Rumänien, einem Land, das sowohl unter kommunistischer als auch nationalsozialistischer Gewaltherrschaft litt. Die Sowjets nutzten die Kirchen als Ställe, die Nazis zerstörten die Synagogen: Hätte Rumäniens Diktator Nicolae Ceauşescu nicht die Klöster nach langer Zeit doch noch restauriert, um ausländische Bildungsreisende mit harter Währung anzulocken, gäbe es die dortige starke Volksfrömmigkeit nicht mehr. Die Gebetsformel und Lieder erklingen in einer archaischen Tonalität, die sich jeder Modernisierung entzieht – auf Rumänisch, der Sprache der autokephalen orthodoxen rumänischen Kirche.

Die Ausstellung mit dem Titel "Bukowina Klöster Leben" wurde zunächst in Suceava in der Bukowina vorgestellt, gegenwärtig ist sie in Vaduz zu sehen, im Herbst kommt sie nach Berlin. Der dazugehörige Bildkatalog ist dreisprachig, die Texte in Rumänisch, Deutsch und Englisch verfasst.

Dass dieser außerordentliche religiöse Kosmos überlebt, davon ist der Fotograf überzeugt. "Ich habe in den beiden Klöstern an die 800 Bilder geschossen", sagt Mark. "Ich könnte sie in zehn Jahren genauso machen, wie ich sie vor zehn Jahren hätte machen können. Das Leben dort wird überdauern, schon wegen der Stille, die von dieser Lebensform ausgeht." Und diese Stille schwebt über allen Dingen.

Es ist zudem die Autarkie, die diese Menschen stark macht und die auch junge Gläubige anzieht, ein Leben im Kloster zu führen. Die Mönche erhalten zwar zum Beispiel Öl als Essensspenden von den Gläubigen. Ansonsten gilt: Das Brot wird selbst gebacken, das Gemüse für die Suppe kommt aus dem heimischen Garten. Paprika, Tomaten, Knoblauch und Zwiebeln, Kräuter, Kartoffeln und Hirse werden selbst gezogen. Gelegentlich kommt ein Fisch aus dem nahen Bach. Ein Eremit, der drei Kilometer vom Mönchskloster lebt, hütet die Kühe und Schafe und stellt den Käse her. Das Fleisch kommt von selbst aufgezogenen Schweinen und Kälbern, auch Milch und Butter werden für den Eigenbedarf hergestellt. Oliver Mark begegnete Speisen mit einer geschmacklichen Intensität, die er nur aus Kindertagen zu kennen glaubt.

Der Betrachter dieser Bilder fragt sich: Sind diese Ordensleute aus der Zeit gefallen oder gar über sie erhaben? Wahrscheinlich ist es die Gegenwärtigkeit Gottes, die sie aus ihrer Zeit heraushebt. Sie macht sie immun gegen Attraktionen dieser Welt, aber dennoch bleiben sie durchlässig für die Bedürfnisse der Menschen, die an die Klosterpforte klopfen. Und manchmal schaffen sie auch ganz profane Wunder: In beiden Klöstern war Rauchen untersagt. Oliver Mark hat sich als Raucher an das Verbot gehalten und seitdem nicht wieder damit angefangen.

 

Nachrichten aus der Fränkischen Schweiz „no show. Oliver Mark“ – Porträtfotografien von Oliver Mark in der Bamberger Stadtgalerie Villa Dessauer 10. Mai 2019

 

der mensch  animal rationale von Georg Maria Roers SJ, No Show, Distanz Verlag 2019

 

Oliver Mark hat zwei Gründe genannt, warum er als Fotograf arbeitet: „Entweder fuer Bilder oder fuer ein Honorar.“ Mir scheint, hier fehlen einige wesentliche Dinge. Dazu gibt er ebenfalls bedenkenswerte Hinweise. Auf der einen Seite bringt es sein Beruf mit sich, Cate Blanchett in einem Moment abzulichten, wo sie scheinbar völlig entspannt in einem englischen Clubsessel mehr liegt als sitzt. Einfach wie hingegossen. Die Eleganz des Raumes hat gegen die Aura dieser Schauspielerin nicht den Hauch einer Chance und verblasst. Auf der anderen Seite weiß nur der Fotograf: er hatte nur einen Versuch beziehungsweise drei Minuten, um das Bild zu machen. Dabei ist er immer auf der Suche nach einer perfekten Form, einem in sich ruhenden Ausdruck. Überlässt Mark alles dem Zufall? Er sagt, dass sei eher selten. „Aber wenn der Zufall dann da ist, kann es ein Feuerwerk sein.“ Das Gegenteil davon ist die Art und Weise wie etwa die Maler des Golden Zeitalters in den Niederlanden zu Werke gingen. Zum Beispiel bei einem Jan Vermeer. „Er drapierte einen Tischläufer auf den Tisch, ersetzte ihn durch das blaue Tuch. Er legte die Perlen in einer Reihe obenauf, arrangierte sie zu einem Häufchen, dann wieder zu einer Reihe. Er bat die Frau aufzustehen, sich hinzusetzen, sich anzulehnen,  sich vorzubeugen.“ Tracy Chevalier lässt die junge Magd Griet in ihrem Buch Das Mädchen mit dem Perlenohrring (1999) in das Allerheiligste des Künstlers eindringen. Sie beobachtet im Atelier, wie der Maler sorgfältig Szene für Szene arrangiert. Und einmal wagt sie das Ungeheuerliche. Sie bringt – nicht nur aus ästhetischen Gründen – etwas Unordnung in das Arrangement ihres strengen Meisters. Ihr heimlicher Blick in die Camera obscura lässt den Leser überrascht zurück. Klingt, was die Schriftstellerin hier beschreibt, wirklich so anders als die Schilderung der Vorbereitung eines „shootings“ von Oliver Mark? „In der Regel habe ich die Aufnahme vor dem Shooting mit meinem Assistenten einmal komplett fotografiert. Da wird alles ausprobiert: Wie jemand stehen könnte, sitzen könnte, Schulter vor, wieder zurück, Kopf nach rechts, links, stopp, zu viel … Ich mache einen Lichttest, probiere herum. Diese Vorbereitung kann bis zu zwei Stunden dauern. Klingt nüchtern. Ist aber essenziell! Ohne Konzept wird es schwierig. Um zu improvisieren, um noch besser zu sein, brauche ich etwas, das ich verwerfen kann.“ 

 

Ein Fotograf muss schnell und genau sein. Er sollte flexibel sein und den Mut dazu haben Fehler zu machen. Bei aller Genauigkeit geht es um die Fähigkeit, im richtigen Moment einen wirklich originellen Einfall zu nutzen, der auch mal alles über den Haufen schmeißt. Das kann herrisch wirken oder göttlich. Der Mensch sei ein „animal rationale“ hat schon Martin Luther in seiner Genesisvorlesung formuliert. Manchmal reißt selbst der Geduldsfaden Gottes, falls es so etwas gibt. Am Ende der Sintflut aber wollte Gott die Erde nicht mehr verfluchen, obwohl das „Dichten und Trachten des menschlichen Herzens böse ist von Jugend auf“ (1. Mose 8, 21a). Erst danach segnet Gott Noah und seine Söhne, auf dass sie fruchtbar seien und – vielleicht sollte man das noch hinzufügen – furchtbar: „Furcht und Schrecken vor euch sei über allen Tieren auf Erden und über allen Vögeln unter dem Himmel, über allem, was auf dem Erdboden wimmelt, und über allen Fischen im Meer, in eure Hände seien sie gegeben“ (1. Mose 9, 2).

Der Mensch unterwirft sich die Welt, in der er lebt. Zuweilen redet er sie sich ohne jegliche Empathie schön. Leider! Es gilt als menschlich, wenn auch im biblischen Sinne verwerflich. Wie verhalte ich mich von Berufs wegen oder privat? Die Abgründigkeit unserer Spezies bleibt unbegreiflich. Die Skala reicht von ungeheurer Brutalität bis zu hingebungsvoller Zärtlichkeit. Zuweilen legen Menschen persönliche Bekenntnisse ab, die nicht zwingend religiös sein müssen. Manchmal sind sie es aber ausdrücklich wie bei dem Katholiken Harald Schmidt auf der Orgelempore des Kölner Doms, der unter anderem ausgebildeter Kirchenmusiker ist, oder dem Innenminister außer Dienst Thomas de Maizière, der als Protestant Jesuitenschüler war. Je mehr Gegensätze Oliver Mark ins Bild setzen kann, um so besser. Die erhöhte Spannung wird in der Bildfindung sichtbar. Die Sujets wechseln und überschneiden sich zuweilen auf ernste, oft auf komische Weise. Welche Heilige Messe im barocken Rahmen hält eigentlich Andreas Golder? Ist er Maler, Hoherpriester der Kunst oder beides? 

Es ist die Aufgabe eines Porträtfotografen, so viel wie möglich von den Untiefen eines Menschen sichtbar zu machen, ohne seine Aura zu beschädigen – immer wissend, dass er lediglich jemand ist, der im richtigen Moment den richtigen Ton findet, damit sich das jeweilige „Model“ wohl fühlen kann. Die richtige Ansprache zu finden ist also nicht nur für den Trainer einer Fußballmannschaft wichtig. Die Schatten vorteilhaft ins Licht zu setzen bleibt anspruchsvoll. Ob das bei Isa Melsheimer einfacher ist, weil sie dem Fotografen auch privat sehr nahe steht? 

 

Welche schöne Frau würde freiwillig auf einem kleinen Podest aus Teerpappe in welchem Berliner Bezirk auch immer vor bewölktem Himmel im schwarzen Sommerkleid mit goldenen High Heels stehen, um Supergirl zu lesen? Auf Melsheimer folgt Maximilian Jaenisch, hier ohne Augenlicht und mit doppelter Stirn, dann eine Madonna, so der Titel. Und ikonographisch gesehen ist es wohl tatsächlich die Gottesmutter mit Kind. Allerdings ist der Heiligenschein hier so vortrefflich ausgeprägt, dass selbst das Baby aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Es scheint ein Goldregen niederzugehen auf das Jesuskind. Es ist kunstvoll eingewickelt in schwarzen Stoff. Sei es die Madonna und ihr Sohn oder Normalsterbliche, ein weiterer Grund warum Oliver Mark fotografiert, ist: er interessiert sich einfach für Menschen. 

 

Er ist maßlos neugierig. Und er agiert ohne Ansehen der Person. Er ist aufgeregt wie ein Jagdhund, der auf Beutezug geht. Er bewertet nichts, sondern er wertet die Person auf, die er ablichtet. „no show“ wirft einen anderen Blick auf Schauspieler und Künstlerinnen, auf Politiker, Musiker, auf jeden, der oder die Oliver Mark vor die Kamera bekommt. Dieser Vorgang hat etwas Egalitäres. Prominente kommen nicht in Paparazzi-Manier zu Fall wie der friedlich schlafende Will Smith etwa und ein weniger bekannter Künstler wird nicht gleich durch ein einziges Foto berühmt. Wir erfahren oft wenig. Warum hat der Berliner Künstler Saâdane Afif ein oder sein Zimmer vollgequalmt? Hat eine Nebelmaschine nachgeholfen? Wir sehen einen nachdenklichen Menschen, der auf einem Schafsfell sitzt. Oder sehen wir einen Mann in einer Landschaft im Morgennebel im Hochmoor? Was sagt das Bild über den französischen Objekt- und Installationskünstler aus? Oliver Mark löst die Rätsel, die uns seine Bilder aufgeben, nicht auf. Er lässt die Dinge bewusst offen, um der Betrachterin oder dem Betrachter Raum für eigene Assoziationen zu lassen. Wer die Bilder entschlüsseln mag, kann es versuchen. Ob es vollständig gelingt? Die Gedanken mögen da einsetzen, wo wir uns die Frage stellen, wie das jeweilige Bild entstanden ist? Oder? Was ist die Geschichte hinter der Geschichte jedes einzelnen Bildes? Mark scheut sich in diesem Buch nicht, dem Porträt des angesagten Philosophen und Kulturkritikers Slavoj Žižek einige schwarze Kreise hinzuzufügen und mit vielen kleinen Punkten den Himmel zu bedecken. Deswegen gilt er nicht gleich als ein französischer Pointillist. Aber er sprengt deutlich das Normalmaß dessen, was gemeinhin von einem Fotografen verlangt wird. Der Komponist Dirk von Lowtzow, Sänger und Gitarrist bei der deutschen Rockband Tocotronic, wusste vermutlich nicht, dass am Ende von ihm nur ein Kontaktabzug der Firma Kodak übrig bleiben würde, die selber mittlerweile bereits Geschichte ist. Mark reiht den Musiker geschickt ein in die Reihe einer anderen Geschichte, nämlich die der Rockmusiker. 

 

Dass das Vergangene immer neu erzählt werden muss, darüber hat schon Oscar Wilde in seinem Text Der Künstler nachgedacht: „Eines Abends trat in seine Seele das Verlangen, ein Bildnis zu machen: »Die Lust des Augenblicks«. Und er ging in die Welt, nach Bronze zu suchen. Denn er konnte nur in Bronze denken.“ Der Bildhauer macht sich auf die Suche. Aber es war keine Bronze zu finden außer das Porträt auf dem Grab eines Freundes. Es sollte ein Symbol nie endender Menschenliebe sein und einer Menschensorge dienen, die ebenfalls nie endet. Der kurze Text schließt so: „Und er nahm das Bildnis, das er gemacht hatte, setzte es in einen großen Tiegel und gab es dem Feuer.“ Jetzt kann etwas Neues entstehen. Mark denkt nicht in Bronze, sondern ist äußerst wendig. Im Übrigen gehören Bronzen mehr oder weniger der Vergangenheit an. Selbst Kanzlerinnen oder Bundespräsidenten sind auf Leinwand umgestiegen und lassen sich am Ende ihrer Tätigkeit malen. Zu Beginn ihrer Amtszeit wird immer ein offizielles Foto angefertigt. Im Fall des Staatsoberhauptes landet es dann in allen Amtsstuben der Republik und in den ausländischen Botschaften. Diese Bilder sind meistens langweilig, weil sie bestimmte Vorgaben erfüllen müssen. Deshalb hat es Marks Bild von Bundespräsident Joachim Gauck im Rosengarten in kein offizielles Gefilde geschafft. Das gilt auch für das Doppelporträt des Schauspielers Lars Eidinger. Es ist sehr viel aufregender als offizielle Theaterfotos. Wird hier nur der Schatten seiner Person gezeigt? Links der Mensch, rechts die Maske, die Rolle, das Amt, kurz: die persona. Hier kommt die antike Vorstellung dieses Wortes zum Ausdruck. Alle Menschen haben einen bestimmten Charakter, der nicht immer mit dem Amt, das er oder sie innehat, gleichzusetzen ist. Jürgen Becker dichtete einmal: „Nachmittags hat mir zerkratzt / ein alter Ast die Stirn die Augenhaut / Es hat seit den Frösten nicht so geblitzt / bis in das Verlassensein den ziehenden Abend.“ Schauen wir auf eines der Selbstportraits von Oliver Mark, wo er sich mit der Künstlerin Birgit Dieker abbildet. Der Fotograf bleibt unter der zerkratzen Maske verborgen. Ein ungewöhnliches Bild, das uns zeigt, der Fotograf ist so oder so anwesend, auch wenn wir ihn nicht sehen. Wir könnten auch sagen, Gott ist so oder so anwesend, auch wenn wir ihn nicht sehen. Beide sind Schöpfer schöner Dinge. Beide schaffen den Menschen immer wieder neu, zeigen ihn von seiner besten Seite. Hier kommt ein Konkurrenzverhältnis zum Vorschein zwischen Gott und dem Künstler, das sich bis heute fortschreibt. Wie tragisch die Geschichte verlaufen kann, wenn ein bedeutender Künstler in einem Porträt die tatsächliche Schönheit eines Menschen abbildet, ist in Oscar Wildes einzigem Roman nachzulesen: Das Bildnis des Dorian Gray.

 

Manchmal mutet der Reigen dieser Porträts an wie der Film Die fabelhafte Welt der Amélie (2001).Es begegnen uns bekannte und unbekannte Gestalten, die mit Mitteln der Ironie (die Stiefel von Oliver Mark), der Verfremdung (die Päpstin), der Überhöhung (Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Buhl-Freiherr von und zu Guttenberg), des Understatements (Mia Farrow), der Übermalung (Marcel von Eden und Matthias Brandt), des Zitats (Otto von Habsburg auf dem fliegenden Teppich) ins Bild gesetzt werden. Im Film trifft Amélie immer wieder auf Nino Quincampoix, einen Sammler von weggeworfenen Bildern aus Fotoautomaten. Als Amélie das Album findet, das er verloren hat, erkennt sie in ihm einen Seelenverwandten und verliebt sich in ihn. Möchte man sich in den einen oder die andere der Porträtierten verlieben? Etwa in Max Raabe oder Marilyn Manson, die auf einem Bild erscheinen, obwohl der Stil ihrer Musik Welten auseinanderliegt? Oder sollen wir die Musikerin Rita Ora anbeten, deren Abbild Mark zerschneidet wie Lucio Fontana einst seine Schnittbilder? In welche Welt will uns der Fotograf entführen? Er dringt ein in Hotels, Ateliers, auf Bühnen, in Königspaläste und politische Areale, sogar in das Haus eines russischen Oligarchen, alle so gut gesichert wie die neue Zentrale des deutschen Geheimdienstes auf der Chausseestraße in Berlin. Was das Büro kleihues + kleihues entworfen hat, wird im Netz so dargeboten, dass sicher niemand daraus schlau wird. Alles sieht irgendwie immer gleich aus. Oliver Mark macht in seiner Kunst das Gegenteil. Bei ihm ist alles auf erfrischende Weise immer wieder neu. Warum? Weil wir Menschen eben noch viel geheimnisvoller sind als jeder BND und jeder andere Geheimdienst. Das gilt insbesondere für Menschen, die Kraft ihres Amtes unendlich oft fotografiert werden. Man glaubt, man kenne sie, so das Credo der Regenbogenpresse. Mark überrascht uns gerne auch sublim, insbesondere in der Folge seiner Bilder. Frau Merkels Raute geht seinem Kreuzes-Entwurf voraus, aus dessen Mitte die Hände sich öffnen. Dem Porträt des Künstlers Jonathan Meese mit Napoleonhut folgen die Hände von Papst Benedikt XVI. Sein Gesicht wird erst gar nicht gezeigt, weil es ohne Zweifel schon zu oft veröffentlicht wurde. Wir erkennen ihn an seinem Fischerring an der rechten Hand, der bis heute nicht zerstört wurde, was sonst die Regel wäre. Die Rechte erscheint erdenschwer und weist auf der Höhe der weißen Schärpe nach unten, während die Linke frei schwebend Erklärungen abgibt. Das sollte jeder Papst können, selbst wenn die Botschaft nicht immer leichte Kost ist. Darauf weist die Linke auch hin, denn Daumen und Zeigefinger scheinen das Pektorale, das Brustkreuz, fast zu berühren. Im nächsten Bild greift Oliver Mark eine Komposition von Helmut Newton auf und erweitert sie. Mark hat ein Gemälde von Ernie Luley Superstar aus seiner Sammlung eingefügt: die Päpstin. Wir sehen eine Frau von hinten, die ein weißes Pilleolum trägt. Das Model bleibt anonym und trägt einen teuren Nerz und High Heels. Es folgt ein Bruch. Wir sehen, wie Maskierte eine alte Fabrik oberhalb vom Prenzlauer Berg besetzen. Im Atelier sind keine Arbeiter mehr zu sehen, sondern Künstler. Ist die Beuyssche Rechnung Kunst = Kapital aufgegangen? Peter Weibel hat längst nachgewiesen, dass sowohl die Beuyssche Theorie als auch die des neokonservativen Ökonomen GaryBecker, in seinem Buch Human Capital(1964), mit der Theorie vom menschlichen Kapital fehl ging. Danach sei jedes Individuum sein eigener Produzent. Nach Weibel wurde der Mensch in beiden Fällen zum Kapital.[1] Wenn auch das Kapital mehr und mehr die wichtigsten Koordinaten unseres politischen System zu sein scheinen, so bleiben Künstlerinnen und Künstler und deren Kunst immer auch der notwendige Sand im Getriebe. So jedenfalls verstehe ich die Bilder von Mark. Eco´s Bett mit Kreuzworträtsel, Buch und Arbeitstasche macht die Literatur stark und ruft uns Das offene Kunstwerk (1962) oder seine Einführung in die Semiotik (1968) und seine Romane in Erinnerung. Eco selber taucht nicht auf. Das Kunstwerk überlebt seinen Schöpfer. 
Bei den Dosen und Bechern, die die Zuschauer auf den Absperrgittern abgelegt haben, ist es anders. Sie überleben nicht. Sie werden bald abgeräumt. Noch bilden sie einen schönen Kontrast zum eleganten Schriftzug am Hause des Juweliers Cartier in Paris. Und sie geben der Luxusmarke einen Touch von Underground. Auf den ersten Blick könnte hier eine Party stattgefunden haben. Der rote Teppich wurde schon eingerollt. Die einzelnen Gäste mussten gar nicht mit aufs Bild. Die Dekadenz des Abends scheint so oder so in der Luft zu liegen. Damit spielt der Fotograf. Aber – der Empfang hat gar nicht stattgefunden. Es sind die Überreste der Zaungäste der Tour de France 2007. Selbst wenn Oliver Mark uns nur banale Gegenstände zeigt, stellt uns der Fotograf den ganzen Menschen vor Augen.  

 

Damit unterläuft er das Prinzip der Porträtfotografie, was insbesondere für Künstler, Philosophen, Schauspieler und Musiker ausgesprochen gut funktioniert. Um die Begierden der Fans zu befeuern geben sich Diven gerne den Hauch des Unnahbaren. Es kann auch ein Schutzschild sein, um sich ein wenig Privatsphäre zu bewahren. Bei Mark wird der Schleier dieser Unnahbarkeit selbst bei Aktbildern nicht gelüftet. Das Ferne liegt Oliver Mark nicht selten nah. Cameron Carpenter fotografiert er nicht an seiner berühmten Orgel, während er genialisch die Tasten schlägt und seine Füße auf den Pedalen tanzen. Mark bittet seinen Personal Trainer sich nackt auf das Genie in Frack und Fliege zu legen. Beide liegen am Boden. 

 

Auf einem weitern Bild liegt Carpenter selber nackt auf dem Sofa. Ein Glas Milch sorgt dafür, dass wir sein Gemächte nicht sehen. Mark erzählt gerne von den Einfällen während des Shootings. In beiden Aufnahmen sorgt ein blaues Schafsfell für ein irrwitzig manieristisches Bild. Der Fotograf sitzt oft zwischen zwei Stühlen. Einerseits kommt er den Aufträgen seiner Kunden nach, andererseits liebt er seine künstlerische Freiheit und bleibt ihr treu. Markus Lüpertz hat diese Spannung einmal so beschrieben: „Die Auftraggeber können sagen: Mach eine Kreuzigung, aber wie ich sie darstelle, ist meine Geschichte. Ich bin in diesem Moment nicht Gottes Erfüllungsgehilfe. Da bin ich – bei aller Gottgläubigkeit – gottlos, weil über Gott noch das Genie steht, der Künstler.“ Solche dandyhaften Sätze hatte Emil Schumacher als Mitglied des Ordens Pour le mérite für Wissenschaften und Künste nicht nötig. Seinen Kampf als Maler des Informel führt er völlig souverän mit seinen langen schwarzen Pinseln bis in alle Ewigkeit weiter. Es bleiben viele Fragen. Es ist ein Fest für unsere Synapsen und Neurotransmitter. 

Stumm bleiben die Bilder für alle, die keine Sinne haben für Abgründe und schwarzen Humor, für Schicksal und Menschliches beziehungsweise Allzumenschliches, für Übermut und das Dionysische, das in den Künsten weiterlebt. 

 

Warum weint der Künstler Via Lewandowsky? Haben wir Dieter Hallervorden jemals so verletzlich und majestätisch zugleich gesehen? Vermutlich nicht. Mark bleibt empathisch und hintergründig. Den deutschen Autor und Regisseur Thomas Harlan zeigt er uns im Rollstuhl in seiner Heimat im Berchtesgadener Land. Mia Farrow trägt ein Holzkreuz und erinnert mehr an eine schwäbische Hausfrau als an eine Schauspielerin aus dem Film Midsummer Night’s Sex Comedy von Woody Allen. Sie wirkt hier sehr nachdenklich und nicht so glücklich wie bei der Pulitzer Preis-Verleihung 2018. Zitiert das Bild vom Künstler Wolfgang Lugmair den berühmten Siebdruck von Andy Warhol Gold Marilyn Monroe[2], die berühmteste Ikone der amerikanischen Popkultur einer melancholischen Diva? 
Muss man dem armen Ralf Ziervogel wirklich einen Ziervogel vom Weihnachtsbaum an die Nase klemmen? Die Antwort von Oliver Mark lautet schlichtweg: „Ja!“

 

[1] Engelbert, Arthur, Politik und Bild. Eine Langzeitstudie zu Wahrnehmungsumbrüchen innerhalb der letzten dreieinhalb Jahrzehnte, Marburg 2016, 327
[2] Warhol, Andy, Gold Marilyn Monroe, Silkscreen ink on synthetic polymer paint on canvas, (211.4 x 144.7 cm), 1962 (MoMA).

Oliver Mark  - Social Stills, Carolin Hilker-Möll, No Show, Distanz Verlag 2019

Wer sind wir und wenn ja, wie viele? Was möchten wir sein, was macht uns aus, wie wollen wir gesehen werden? Oliver Mark ist ein Meister der Menschen-Fotografie. Seine Porträts erzählen Geschichten von Verfremdung, Überlagerung, Zersplitterung, Aufspaltung, Doppelung, Verschnürung, Verpackung, Schau-Spiel – und geben dabei oft mehr preis als gewollt, sowohl über den Porträtierten als auch den Fotografen. Die sorgfältig inszenierten Momentaufnahmen weisen als „social stills“ über sich hinaus: Sie analysieren den Menschen, sie verorten seine Rolle in der Gesellschaft, es sind Spiegelbilder. Oliver Mark ist ein Menschen-Sammler: Künstler, Maler, Bildhauer, Schauspieler, Musiker, Philosophen, Politiker, Theater- und Filmregisseure, Schriftsteller, Modedesigner, Familienaufstellungen... Immer findet er den besonderen Moment, man spürt die Verbindung von Fotograf und Gegenüber. Konzentrierte Nähe wechselt sich ab mit fast bedeutungsüberladenen Inszenierungen und gewollt beiläufigen Bildern. Oliver Mark ist ein Rahmen-Künstler. Durch sein gesamtes fotografisches Werk zieht sich der Bilderrahmen als Motiv, als Stilmittel, als Spannungsgeber, als Begrenzung und Botschaft. Sei es das kunstvolle Stillleben der leeren Rahmen, die mit ihren schwarzen Flächen auf das titelgebende „Nicht-Erscheinen“ verweisen oder das Arrangement seiner Arbeiten in üppig vergoldeten Barock- oder antiken Ovalrahmen: Die dadurch erzeugte assoziative Nähe zur Altmeistermalerei – verstärkt durch das immer wiederkehrende Motiv der Hände oder durch Vanitas-Zitate im Bild – verfehlt ihre nobilitierende Wirkung nicht, gerade auch wenn sie wieder ironisch gebrochen wird. Oliver Mark ist ein Charakter-Sucher. Da, wo er fündig wird, wo er am meisten bei sich ist, am stärksten, am dichtesten, da wird ein Gesicht zum Antlitz, in dem sich unsere Zeit spiegelt. Mit Wucht trifft den Betrachter die Intimität des Moments und man ist froh, diesen Moment teilen zu dürfen. So bei Louise Bourgeois, die Oliver Mark 1996 als 85-jährige in New York fotografiert: Ihr Gesicht ist eine Landkarte ihres Lebens, jeder Kampf hat seine Spuren hinterlassen. Die Augen fast geschlossen, der Fokus liegt auf den Händen der großen Künstlerin, Ausdruck einer Epoche. Wir sehen einen „Menschen des 20. Jahrhunderts“. 


Portrait des Fotografen als Portraitist von Christoph Peters, No Show, Distanz Verlag 2019

Sowieso ist alles eine Frage des Lichts. Es fällt von links auf breiter Front in den großen Raum, der zugleich als Studio und Büro, und Galerie dient. Genaugenommen müsste ich sagen: Es würde fallen, denn der Fotograf, der mir barfuß in weißem T-Shirt und verwaschen grauer Hose die Tür öffnet, hat vor den Fenstern im Mittelteil dichte, schwarze Vorhänge zugezogen. Nur vorne, im Bereich des Schreibtischs, gleich hinter dem Eingang, darf das Licht ungehindert hereinbrechen, dann erst wieder am Ende des Raums, wo die Sonne jetzt, am frühen Morgen, eine Gruppe von drei Eisbären aus Porzellan je nach Blickwinkel ironisch oder dramatisch in Szene setzt. Sie stehen auf einem Sockel vor der ebenfalls schwarz verhängten Rückwand und brüllen gemeinsam den Himmel an. Der Fotograf fragt, was er mir zu trinken anbieten darf? „Gern einen Espresso “, sage ich. Wenig später bringt er mir aus der Küche den Espresso in einem Mokkatässchen aus Meissner Porzellan. Ich kenne das Dekor, es heißt Reicher Hofdrache und wurde 1730 nach japanischen und chinesischen Vorbildern für die königliche Tafel August des Starken entworfen, bis 1918 war es ausschließlich dem Hof vorbehalten. Offenbar teilen wir die Liebe zum Porzellan – zu Figuren und Geschirr gleichermaßen. Ich kenne sonst niemanden, der sich dafür begeistern kann. Die Wand den Fenstern gegenüber ist bis unter die Decke mit Bildern gefüllt – hauptsächlich zeitgenössische Maler, die jedoch geradezu entgegengesetzten ästhetischen Position zu folgen scheinen: Gestische Abstraktion findet sich neben Figurativem, poetisch Surreales folgt auf collageartige Kompositionen. Dazwischen Fotografien, ein Barockportrait, sowie eine alte Madonnenfigur aus farbig gefasstem Holz. Auf dem Bord darunter Kleinplastiken und ein sauber präparierter Pferdeschädel. Fast der gesamte Boden im hinteren Teil wird von einem antiken Heriz Teppich in warmen Rot-, Beige und Blautönen bedeckt, so dass ich mich endgültig wie zu Hause fühle. Er endet vor einem breiten Ledersofa, das zugleich als Andeutung eines Raumteilers dient. Hier und da ein antiker Stuhl oder Tisch, jedes Stück einem ebenso eigenwilligen wie undogmatischen Geschmack entsprechend ausgewählt.„Lass uns kein Gebrauchsportrait machen, sondern etwas anderes versuchen“, hatte ich dem Fotografen am Telefon gesagt. „Ist mir recht“, hatte er geantwortet. Ich bin in einem graugrünen Cordanzug gekommen und habe einen Rollkoffer voller Kleider mitgebracht: den Fez, den mir mein türkischer Sufi-Sheikh vor zehn Jahren aufgesetzt hat, dazu weite osmanische Hosen und das passende Hemd; Kurta Shalwar – die traditionelle pakistanische Kleidung –, mit buntem Schal und Turban; dann den Kimono, den ich bei der japanischen Teezeremonie trage. Außerdem habe ich einen pakistanischen Gebetsteppich, meinen Tesbih und den japanischen Fächer dabei. Der Fotograf reagiert nicht im Geringsten verwundert oder gar befremdet, als ich ihm zeige, was sich im Koffer befindet, im Gegenteil: Er scheint es völlig normal zu finden, dass jemand derlei Dinge für eine Portrait anschleppt, das keineswegs der Ankündigung eines Maskenballs oder einer Faschingssitzung dient, während ich mir in diesem Moment die Frage stelle, ob es Kostümierungen, Identitäten oder doch Versuchsanordnungen sind? 
Ich denke: Vielleicht macht er deshalb so gute Portraits, weil er sein Gegenüber nicht wertet, sondern einfach nur hinschaut, ruhig und aufmerksam, mit der melancholischen Distanz dessen, der schon viel gesehen hat.
Der Fotograf sagt: „Ich nehme lieber Tageslicht – ohne Blitz“. Das hinwiederum erstaunt mich, ich hatte eher mit einer computergesteuerten Anlage aus hintereinandergeschalteten Blitzen und Reflektorschirmen gerechnet, mit der jede Sommersprosse auf meiner Nase porentief ausgeleuchtet worden wäre. Die Ruhe, mit der er den Grauverlauf auf einem großen Papierbogen für den Hintergrund ausrichtet, die Vorhänge ein Stückchen weiter zuzieht, damit das Licht den richtigen Weg nimmt, die Position der beiden Hocker festlegt – einen für mich und einen für sich –, das Stativ samt Kamera positioniert, überträgt sich auf mich. „Ich würde gern einfach mal den Fez mit dem Anzug probieren“, sage ich. „Es gibt ein Portrait des russisch-jüdischen Schriftstellers Essad Bey, der mit siebzehn zum Islam konvertiert ist, aus den 20er Jahren, da sitzt er genau so gekleidet im Café Kranzler, und es sieht irgendwie schräg aus.“ Der Fotografen nickt: „Finde ich gut“, sagt er. Der Grünton meines Anzug bildet mit dem dunklen Rot des Fez, dem hellblauen Hemd und der gestreiften Krawatte, einen schönen Klang. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, will er hauptsächlich Schwarzweißbilder machen.Draußen schieben sich Wolken vor die Sonne, mit einem Mal ist es einige Stufen dunkler im Raum, das Licht nicht mehr scharf sondern gestreut. Während ich erzähle, wie ich an die unterschiedlichen Kleidungsstücke gekommen bin, was sie für mich bedeuten, bei welchen Gelegenheiten ich sie benutze, ist der Fotograf damit beschäftigt, das Licht an dem Platz, auf dem ich sitzen soll, den veränderten Gegebenheiten am Himmel anzupassen. Jede Veränderung der Vorhangposition hat Auswirkungen auf den Hintergrund, auf die Schatten und Linien in meinem Gesicht. Ich lehne mich etwas vor, rücke ein Stück nach links. Alles, was er tut, wirkt seltsam beiläufig, hat nichts von der überspannten Erregung Hektik, die man in einem Fotostudio erwartet.  Noch immer scheint es, als wäre das, worüber wir reden, das Eigentliche, und die Bilder, die gemacht werden sollen, stellten eher ein Nebenprodukt dar. Mein Blick bleibt an einem Louis XVI Sessel mit orangerotem Samt hängen, der in der hinteren Ecke steht, und den ich vor lauter Kunst übersehen hatte. Mir fällt das Foto von Essad Bey im Café Kranzler wieder ein: „Lass uns doch den nehmen, das wäre vielleicht lustig“, sage ich und deute auf den Sessel. Ich sehe im Gesicht, den Augen des Fotografen, wie er die Vorstellung von mir mit dem Fez im Anzug auf dem Sessel mit der Idee des Bildes in seinem Kopf vergleicht, sehe, wie sich Skepsis und Einverständnis abwechseln. Schließlich willigt er ein, und wir tauschen meinen Hocker gegen den Sessel aus. Ich sitze jetzt etwas niedriger als zuvor, so dass er Vorhang, Hintergrund und Stativ neu justieren muss. „Warte mal einen Moment“, sagt er und verschwindet in die Küche. Ich höre das Mahlwerk der Espressomaschine, dann das Brummen, während der Kaffee durchfließt. Mit einem anderen, offenkundig ebenfalls kostbaren Mokkatässchen in der Hand kehrt er zurück. Es hat eine hohe Biedermeierform, weiß mit senkrechten Goldstreifen und drei kleinen Löwenfüßen. „Du musst den Kaffee nicht trinken, aber vielleicht kannst du die Tasse vor der Brust halten“, sagt er.  In diesem Moment bin ich ganz sicher, dass Essad Bey auf dem Foto auch eine Mokkatasse in der Hand hält – wenn nicht das gleiche Modell, dann zumindest ein sehr ähnliches.„Wo kommt das her – welche Manufaktur?“ frage ich. „KPM“, sagt der Photograph. „Das passt doch perfekt“, sage ich.„Kannst du die Tasse noch ein bisschen nach vorn neigen, dass man den Kaffee auch sieht? Und den Kopf ein klein wenig nach rechts.“ Sein Blick auf mich, mein Blick in die Kamera, an der Kamera vorbei, auf ihn, während der Verschluss klickt – wieder und wieder und wieder.  

Peter Lindhorst, Photonews 5/17

Den Anblick will man nicht so leicht vergessen. Die Haltung des Körpers ist schlaff. Der Blick gesenkt. Das Maul leicht geöffnet. Und plötzlich wird klar – dieser Wolf wird nie mehr heulen. Es ist nur ein abgezogenes Fell, an dem ein Kopf nach unten hängt. Ob des hier vermittelten Elends wollen wir am liebsten selbst den Kopf hängen lassen. Einst hat der römische Dichter Plautus formuliert: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Das mag stimmen, aber noch viel mehr ist der Mensch dem Wolf ein Mensch. Bei dem Fell handelt es sich um ein geschmackloses Souvenir, das aus dem Koffer eines Urlaubers gezogen worden ist. Dass dieses Mitbringsel aber in einem mit opulenten Schnitzereien ausgestatteten Ovalrahmen präsentiert wird, steigert die Gedrücktheit umso mehr.

Oliver Mark hat ein Studiozelt aus schwarzen Stoffbahnen errichtet. Es ist zwei Meter mal zwei Meter klein. Auf der einen Seite lässt er durch einen kleinen Spalt Licht einfallen. Der Fotograf will einen beengten Raum simulieren – ein stilles Kämmerlein für stille Porträts. Ziel ist es, seine Fotos mit der Ästhetik altmeisterlicher Malerei auszustatten. Und so inszeniert er seine Gegenstände sorgsam, rückt sie ins rechte Licht, wechselt die farbigen Hintergründe. Wenn alles perfekt sitzt, drückt er den Auslöser.

Seine Meriten hat sich Oliver Mark vor allem mit seiner exzellenten Porträtfotografie erworben. Aber daneben gibt es von ihm immer wieder freie, überraschende Projekte. Für die neue Serie „Natura Morta“ hat er die Asservatenkammer des Bundesamtes für Naturschutz durchforstet. Dort hat er Dinge fotografiert, die als Souvenirs für Zuhause gedacht waren, bevor sie vom Zoll beschlagnahmt wurden. Sie alle fallen unter die Bestimmungen des Artenschutzes.

Mehr als 180 Staaten haben bis heute das vor 40 Jahren beschlossene Washingtoner Artenschutzübereinkommen ratifiziert, in dem der Handel gefährdeter Tier- und Pflanzenarten geregelt und dessen Überwachung kontrolliert wird. Was bei den Reisenden gefunden wird, übersteigt oft jede Vorstellungskraft. Ein Bärenkopf, das abgesägte Horn des Nashorns, eine Handtasche aus Raubtierfell, aber auch Gitarrenhälse aus Palisanderholz. Oliver Mark weiß genau, wie er etwas arrangieren muss, um maximale Wirkung zu erzielen. So befreit er diese Gegenstände aus dem Dunkel des Depots und versieht sie mit einer neuen Strahlkraft. Die Objekte führt er so vor, dass wir uns der Faszination nicht entziehen können, um dann umso mehr Abscheu zu empfinden. Besonders dekadent habe er den Verwendungszweck des ausgehöhlten Elefantenfußes empfunden, sagt der Fotograf. Ein Schirmständer sollte daraus werden.

In Oliver Marks Arbeiten überstrahlt die Schönheit das Sterben. Der Fotograf führt den rücksichtslosen Umgang des Menschen mit Natur und Umwelt vor, aber das tut er auf raffinierte Weise, in dem er Elend und Tod ästhetisiert. Ein Kunstwerk muss streitbar sein, damit es nicht langweilig wird, sagt er selbst. Unweit seines Berliner Studios liegt die Gemäldegalerie. Als häufiger Besucher studiert er mit Hingabe die dort ausgestellte alte Malerei. So wundert es nicht, wenn seine Serie Motive der Stilllebenmalerei des 17./18. Jahrhunderts aufnimmt. Eine Ente, die kopfüber gezeigt wird, imitiert die damals üblichen Jagstillleben von niederländischen Malern. Gleichzeitig lässt die Inszenierung von Gürtel oder Stiefel an eine zeitgemäße Werbeoptik denken. Das fertige Foto wird später im passenden Rahmen feilgeboten. Da zeigt sich die Meisterschaft des Fotografen ein weiteres Mal. Lange sucht er, um einen entsprechenden Rahmen zu finden, dessen Materialität, Farbe und Form Korrespondenzen zu dem abgebildeten Gegenstand herstellt.

Auch in der Rahmung wird Oliver Marks Präferenz für alte Malerei deutlich, zugleich akzentuiert der Rahmen den Trophäencharakter des einzelnen Objekts. Die Mitbringsel erzählen immer auch über ein menschliches Handeln, das von Eitelkeit, Gier und Ignoranz geleitet ist. Schreckensbilder tauchen hinter den schrecklich- schönen Bildern von Oliver Mark auf: der zurückgekehrte Reisende, der sich mit Geschichten aus dem fernen Urlaubsland brüstet und dabei eine mitgebrachte Flasche Schnaps kreisen lässt. In der aber ist eine Kobra konserviert. Bei dieser Vorstellung lassen wir den Kopf noch tiefer hängen.

„Natura Morta“ von Oliver Mark ist noch bis zum 16. Juli 2017 in der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste in Wien zu sehen. Die Ausstellung wird mit Stillleben-Gemälden der Sammlung und in Kooperation mit dem Naturhistorischen Museum gezeigt. Das gleichnamige Buch ist im Kehrer Verlag erschienen.

von Julia M. Nauhaus, Direktorin der Gemäldegalerie und des Kupferstichkabinetts der Akademie der bildenden Künste Wien 2017

In seinem aktuellen Projekt Natura Morta widmet sich Oliver Mark der Frage nach dem Umgang des Menschen mit Natur und Umwelt, insbesondere der Tierwelt, aber auch der Ästhetik und Schönheit des Todes. "Natura Morta" - übersetzt mit "tote Natur" - wurde im 17. und 18. Jahrhundert im Niederländischen zu "stil leven" und im Deutschen zu "Stillleben". Damit hatte der Begriff sich vom Lateinischen bzw. Italienischen entfernt, obwohl er Ähnliches, aber nicht Identisches ausdrücken wollte, wenn man Leben mit Existenz oder Dasein und still mit unbewegt, also tot, verbindet. Oliver Mark wählte für sein aktuelles Projekt bewusst den ursprünglichen lateinischen Begriff, um den Gegensatz zwischen Natur = Leben und tot = gestorben zu betonen. Was man auf seinen Photographien entdeckt, lebte einst und wurde in der Regel oft von Menschenhand mitten im Leben stehend getötet. Zusätzlich wird durch den Begriff "Natura Morta" der Fokus stärker auf die Tiere und Pflanzen gelegt und der Mensch in den Hintergrund gesetzt, auch wenn er selbstverständlich Teil der Natur ist, aber eben nur ein kleiner Teil im Vergleich zur vielfältigen Natur.

Oliver Marks Stillleben-Photographien sind in der Asservatenkammer des bundesdeutschen Zolls in Bonn entstanden. Leopardenschädel, Elfenbeinschnitzereien, Produkte aus Krokodilen oder Schildkröten, geschützte Tier- und Pflanzenteile, Jagdtrophäen, Kleidungsstücke aus Schlangenleder, Musikinstrumente aus kostbaren tropischen Hölzern, Reisemitbringsel wie Seepferdchen, Korallen, Schnecken und Muscheln, die vom Zoll beschlagnahmt wurden, hat der Photograph altmeisterlich als Stillleben inszeniert. Oliver Mark präsentiert sie in historischen Gemälderahmen. In der Gemäldegalerie ergeben sich dadurch Korrespondenzen zwischen den Gattungen Malerei und Photographie, aber auch zwischen photographischen und gemalten Stillleben. Aus der eigenen Sammlung werden neun Werke von Malern wie Willem van Aelst, Philips Angel van Middelburg, Abraham van Beyeren, Jan van der Heyden, Maximilian Pfeiler, aus der Nachfolge von Peter Paul Rubens, Abraham Susenir und Jan Weenix zusammen mit den Photographien Oliver Marks gezeigt. So ergeben sich auch neue Perspektiven auf Meisterwerke der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts.

Den Besucher_innen bieten sich so vielfältige Assoziationsmöglichkeiten, im besten Fall ein neuer, anderer Blick auf die scheinbar "altbekannten" Gemälde der Sammlung oder aber der ästhetische Genuss der Photographien, der in das Nachdenken über den Umgang des Menschen mit der Schöpfung mündet.

Im Naturhistorischen Museum, in dem weitere Photographien in drei Gruppen neben die Tierpräparate gestellt werden, ist die Frage des Artenschutzes vorrangig. Der Handel von Tier- und Pflanzenarten unterliegt internationalen Bestimmungen, eine Einfuhr vieler Souvenirs ist gesetzeswidrig. Grundlage für das Aktivwerden der Behörden ist das Washingtoner Artenschutz-(CITES)Abkommen, das über 35 000 Tier- und Pflanzenarten, die vom internationalen Handel bedroht sind, schützt. In Österreich ist das Übereinkommen seit 1982 in Kraft.
Oliver Marks eindrückliche Photographien bieten Raum für Gedanken und Assoziationen über die verschiedensten Themen: Wie geht der Mensch mit seiner Umwelt um? Was fasziniert uns an der Gattung Stillleben? Was unterscheidet Malerei von Photographie?

Die Rückkehr der Moral von Brigitte Borchhardt-Birbaumer, Wiener Zeitung 26.04.2017

Schon im Vorfeld gab es die Warnung einer Kollegin vor den Fotografien Oliver Marks und sie trifft ins Schwarze betreffend einer Ästhetik des schönen Scheins, der Ekel erzeugt.
Doch den will der 1963 in Gelsenkirchen geborene Künstler, der sich mit Schwarzweiß-Porträts bekannter Persönlichkeiten einen Namen gemacht hat, mit seiner Serie "Natura Morta" auch auslösen. In Wien ist die subtil an den Rand barocker Repräsentation inszenierte Serie von Farbfotografien im Korridor der Gemäldegalerie mit niederländischen Stillleben konfrontiert, im Naturhistorischen Museum in drei Sälen mit Tierpräparaten, die auf das Artensterben hinweisen.

Hatte die Moderne als raue Geste die Moral ausgeklammert, kehrt hier die Sprache aufklärerischer Vernunft, verbunden mit Moral, in den Bereich der Kunst zurück. Das war im bürgerlichen Holland im 17. Jahrhundert bereits ein die Kunst bestimmender Faktor, allerdings verbunden mit den meist kalvinistischen Entsagungen religiöser Vorstellungen: Üppige Stillleben mit Jagdtrophäen oder Früchten und Tieren aus Übersee galten nicht nur der Zurschaustellung wirtschaftlicher Macht, sondern auch dem dialektischen Hinweis, dass der Tod in allem irdischen Reichtum mitschwingt.
Im flämischen Teil der Niederlande hatte die Gegenreformation ihre Moralvorschriften in den Gemälden ebenso sichtbar hinterlassen. Die Vergänglichkeit des Lebens ständig zu bedenken, war Künstlern beim Malen der toten Natur ein besonderes Anliegen, denn mit der Haltbarkeit ihrer Bilder lehnten sie sich auch dagegen auf. Mark übernimmt den Widerspruch der "Natura Morta" aus der Barockmalerei und inszeniert speziell darauf abgestimmt - das beginnt mit der Lichtführung und Farbgebung des Hintergrunds und setzt sich in der Wahl seiner Bildgrößen, Ausschnitte und Komposition fort. Zudem sind seine historischen Rahmen auf die jeweiligen Sujets abgestimmt und gehen über das 19. Jahrhundert zurück bis in Barock und Renaissance. Der Fotograf erwirbt sie bei Auktionen bis nach Spanien und spielt auch mit dieser dekorativen Korrespondenz zum altmeisterlichen Bild.
Er lädt die Gefühle anhand von kostbarer Wirkung auf und verdeckt im ersten Blick ganz bewusst die Herkunft seiner großteils exotischen Gegenstände aus der Asservatenkammer des bundesdeutschen Zolls in Bonn. Luxusgüter sind beliebte Faktoren einer Diskussion um den "Raubtierkapitalismus". In der Gemäldegalerie ist aber die erste Assoziation immer noch dem Ästhetischen und vor allem dem Vergleich mit den barocken Gemälden aus dem Rubens-Umkreis, von Abraham van Beyeren, Jan Weenix oder Willem van Aelst verbunden - erst der zweite Blick führt weiter.
Kunstdidaktik neu, Im Naturhistorischen Museum stellt sich der Ekel viel schneller ein. Marks Bühneninszenierung für jeden Leoparden-Schädel, hängende Felle, abgeschlagene Nashörner, Federnschmuck, Schildkrötenpanzer, Elefantenfüße, Schlangenschuhe und Krokotaschen nähert sich mit spotartig intensivem Lichteinfall von links in eine relativ dunkle Kammer dem Großmeister barocker Helldunkelbühnen, Caravaggio an.
Fotografie hat die "Augentäuschung" (Trompe l’oeil) der alten Gemälde abgelöst, ihre Warnung haben wir lange nicht mehr ernst genommen, doch begonnen die gesellschaftlichen Strukturen dahinter freizulegen: Denn nur dem Adel stand die Großwildjagd zu, die Bürger mussten sich mit Singvögeln begnügen. Dazu hat sich langsam ein Nachdenkprozess entwickelt und erst seit den 1980er Jahren ist der Elfenbeinhandel verboten und stehen 35.000 Tier- und Pflanzenarten unter Schutz.
Doch Haifischflossensuppe, Schlangenschnaps und Tigerbalsam leben in magischen Praktiken weiter. Keine Fotografien zum Mögen also, eher zur Diskussion über neue Kunst-Didaktik.

welcome with us Oliver Mark and Dr. Philipp Demandt, executive of Alte Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin who will introduce Marks work to our guests

Stanley Kubrick called his last film EYES WIDE SHUT (1999) a game of deception between illusion and reality, a sort of mantling and dismantling based on Schnitzler's "Dream Story". Similarly, the German photographer Oliver Mark (born in 1963 in Gelsenkirchen) plays with masquerade and dreams in his images creating an impressive closeness to the people portrayed. Stars like Cate Blanchett, Mia Farrow and Will Smith are staging dreams in front of Marks camera as if suggested by the photographer. Mark names his exhibition Shuteye, where Kubrick's colleagues Spike Lee, Lars von Trier and Wes Anderson can be seen with their eyes shut, seemingly sleeping or dreaming. It comes as no surprise, since Mark often portrays famous people, amongst them artists like Louise Bourgois and Jörg Immendorf who don't like to be in front of the camera. 

Oliver Mark's portfolio is not limited to portraits - it is impressive in its variety. In his exhibition Shuteye - first shown in the Munich based gallery °CLAIR - Oliver Mark also shows spaces like Schiller's study in Weimar or the deserted sanatorium in Beelitz, which strangely correspond to an image of an apartment in Berlin with a "magazine" look. For over 15 years now, Mark has been a photographer for major print media such as Stern, Zeit Magazin, Rolling Stone, Time Magazine, Vogue, Weltkunst and others.
In his work he has often shown well-known faces in fresh poses. Each photograph is an expression of the mutual respect - a balancing act - between the visual artist and the VIP. Each shooting is meticulously prepared by Mark. In this manner, 700 photographs of influential people of our time have been created so far.

Oliver Mark, who received his first camera at the age of nine as a gift, also gives lectures and workshops for the German Bundespresseamt and the Fachhochschule Hannover. His work has been shown in numerous solo and group exhibitions, recently at „18 Hours a Day, Kreuzberg Pavillon - 100 Days in Kassel“ as well as at Art Paris. In 2011, for the first time Oliver Mark curated an exhibition („Der arge Weg der Erkenntnis“, Berlin). In 2009, a monograph on his work was published by Hatje Cantz. Oliver Mark lives in Berlin.

Hautnah aus der Distanz, Welt am Sonntag 04.10.2009

Es gibt Diesen kurzen Film, den der Fotograf Oliver Mark selbst gedreht hat. Er sitzt im Hubschrauber des Modedesigners Roberto Cavalli. Der erklärt ihm mit raumgreifenden Gesten, was draußen vor den Fenstern des Cockpits zu sehen ist. Das bemerkenswerte an dieser Szene ist: Der Modeschöpfer fuchtelt mit beiden Händen, raucht obendrein noch Zigarre - und ist gleichzeitig Pilot des Hubschraubers. Die manchmal bizarre, in diesem Fall gefährliche Welt der Prominenten: Für Oliver Mark ist sie das bevorzugte Element. Als der Berliner Eisbär Knut die Republik entzückte, war es ausgemachte Sache für Mark, dass er das Baby für das Cover der deutschen "Vanity Fair" fotografieren musste. Es war das erste Mal in der internationalen Geschichte des Titels, dass dort ein Tier Furore machte.

Mark selbst allerdings ist ganz anders als die Menschen, die er ablichtet: Er ist leise, subtil, sensibel. In seinem soeben erschienenen Band "Portraits" gibt es ein Bild, da lässt sich das angestrengte Gesicht des Fotografen in einem antiken Spiegel eines Wiener Hotelzimmers entdecken. Doch der Blick des Betrachters schweift ab. Er will sich weiden am Kontrast der bunten Cocktails und der tiefblauen Seidenbespannung der Wände. Seine Fotografie besteht oft aus Inszenierungen. Sein Aufwand bei der Erzeugung von Bildern ist so groß, dass das Gros der deutschen Filmregisseure ihn scheuen würde.

Margit J. Mayer, Chefredakteurin der "AD", bringt dieses Phänomen auf den Punkt: "Es ist selten, dass Architekturfotografen wirklich gute Porträts machen, und klassische Porträtfotografen scheitern meist an Räumen. Oliver Mark ist da eine große Ausnahme. Ich glaube, es liegt an seiner generellen Haltung zum Phänomen Inszenierung, er übertreibt es nicht damit, sodass das vorher Ausgedachte immer in Balance bleibt mit dem nicht Planbaren, also den aktuellen Gegebenheiten und Stimmungen während des Shoots. Das Ergebnis ist eine fragile Mischung aus Realismus und Romantik, die seine besten Bilder so präsent, ja berührend macht und ihren Schöpfer ungemein kostbar für ein Magazin wie ,AD Architectural Digest'. Es ist, als hätte Oliver Mark eine besondere Beziehung zur Gegenwart: Er vertraut ihr." Dieses Vertrauen zahlt sich für all seine Kunden, darunter auch die "Welt am Sonntag", aus: Er belohnt mit neuen Perspektiven, Einsichten und Pointen. ws

Der perfekte Moment  Berliner Morgenpost 23.10.2006
Das Kissen rettet die Situation. Regisseur George Lucas soll fotografiert werden, der Foto-Assistent hat die Pose bereits vorempfunden, alles gut, die Sache läuft - so lange, bis Lucas die Szenerie betritt.