Oliver Mark

Bukowina Klöster Leben, Oliver Mark, St. Thomas von Aquin Kirche in der Katholischen Akademie in Berlin vom 24.11.2019 - 02.02.2020
Bukowina Klöster Leben, Oliver Mark, Liechtensteinisches Landesmuseum 2019
Bukowina Klöster Leben, Oliver Mark, Bukowina Museum Suceava, Rumänien 2018

 - Oliver Mark

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Nicht von dieser Welt 
von Andreas Öhler, ZEIT Nr. 14/2019. 29. März 2019

Als Oliver Mark die steile Steinschotterstraße zum rumänischen Männerkloster Sf. Ioan Iacob Corlăţeni hinauffuhr, um für fünf Tage auf knapp 1300 Meter Höhe das Leben der Mönche in Bildern festzuhalten, ahnte er schon, dass diese Tage nicht von dieser Welt sein würden. Um seine Arbeit näher vorzustellen, zeigte der für seine Porträts bekannte Berliner Fotograf den Brüdern Aufnahmen von Angela Merkel und auch einige Hollywoodstars wie Tom Hanks, Cate Blanchett und Anthony Hopkins, die er fotografiert hatte.
"Wer sind diese Leute?", fragten die Mönche. Und meldeten, nachdem sie erfuhren, womit die Porträtierten ihr Brot verdienen, ernstliche Zweifel an, ob die Schauspieler wohl in den Himmel kämen, während sie sich ziemlich überzeugt davon zeigten, dass es ihnen selbst gelingen würde. In dem erst vor 25 Jahren gegründeten Kloster haben sich Aufstiegshoffnungen von jeglichen irdischen Belangen abgekoppelt.

Und dennoch hatte Oliver Mark, als er sich in diese bewaldete Berglandschaft in der Bukowina aufmachte, ein weltliches Ziel. Constantin-Emil Ursu, der umtriebige Generaldirektor des Bukowina-Museums, hatte diese aufregende Reise in eine religiöse Sphäre vermittelt, in der Abenteuer, wenn sie denn mal stattfinden, aus gelegentlichen Epiphanien bestehen. Zusammen mit Oliver Mark konzipierte Ursu eine Ausstellung, ein ambitioniertes Dreiländerprojekt. Seit 2016 pflegt das Liechtensteinische Landesmuseum in Vaduz mit dem Bukowina-Museum im rumänischen Ort Suceava einen kulturellen Erfahrungsaustausch. Der Bukowiner Museumsleiter sucht Anschluss an Europa, kein leichtes Unterfangen. Denn die uralte, multireligiöse Kulturlandschaft droht als Grenzregion zwischen Mittel-, Südost- und Osteuropa an den Rand gedrängt zu werden. Heute gehört die nördliche Seite zur Ukraine und die südliche zu Rumänien. Hier liegen auch die Moldauklöster, die inzwischen als Weltkulturerbe der Unesco anerkannt sind. Bis zur ukrainischen Grenze sind es 70 bis 80 Kilometer. Wer sich dort mit dem Mobiltelefon einwählen will, landet fast unweigerlich in einem moldawischen Netz. Aber WLAN, Internet, Fernsehen gibt es im Kloster ohnehin nicht. Dass es auch ohne geht, hatte Oliver Mark bereits fünf Tage vorher im Frauenkloster in Moldoviţa erfahren, in dem er in Absprache mit den Kulturbehörden und mit dem Segen des Bischof alles fotografieren, dokumentieren und ansehen durfte, mit Ausnahme des Altarbereichs hinter der Ikonostase in den Kirchen. Das traditionsreiche Kloster Moldoviţa wurde 1532 gegründet, fünf Jahre später erhielt die Anlage ihre berühmte Innen- und Außenmalerei, der sie ihren Unesco-Status verdankt. Ein kleines Museum zeigt religiöse Objekte und Handschriften aus dem 14. bis 16. Jahrhundert. Die Fresken sind eine bebilderte Bibel, die Ikonografie der Heiligen und ihrer Taten ersetzt das predigende Wort.

Mark ist kein Jäger, der Fotos schießt und Bilder zur Strecke bringt. Sein Arbeitsstil ist eher bedächtig, ein vorsichtiges Herantasten, er möchte sich einfinden und einfühlen. Undenkbar, die Nonnen und Mönche zu stören bei ihren täglichen Verrichtungen, die aus arbeiten und beten bestehen. In Kontakt mit Menschen außerhalb des Klosters kommen sie nur, wenn die Gläubigen aus den nahe gelegenen Dörfern an den Wochenenden zum Gottesdienst kommen. Mark schaffte es bei diesem Projekt, Barrieren zu überwinden, ohne Grenzen zu verletzen. "Zweifellos", sagt der Fotograf, "hat dabei geholfen, dass der Bischof hinter uns stand und die Stavrophoren, das sind vom Bischof erwählte Mönche und Nonnen, die ein Brustkreuz tragen dürfen, uns unterstützten."

Gelegentlich kam es auch mal zu kleinen Störungsfeldern, die sich aber schnell wieder auflösten. So berichtet Mark von einer älteren Nonne, die sich darüber beschwerte, dass er eine Kapelle ablichtete. Sie wies ihn zurecht. Als jedoch eine Mitschwester ihr die Lage erklärte, kam ein kleines Mirakel zustande. Der Fotograf hatte schon befürchtet, mit dieser Ordensfrau "nicht mehr warm zu werden". Da bot sie ihm am nächsten Morgen ein Glas Messwein an. "Danach wurden wir die besten Freunde", schwärmt er – sie war die Vorsteherin des Weinkellers.

Das seien, so Oliver Mark, diese kleinen Momente, derentwegen er seinen Beruf so liebt. Wenn er bei all den Persönlichkeiten aus Politik, Sport und Kultur einen Fototermin hat, inszeniert er sein Gegenüber am liebsten in dessen persönlicher Umgebung mit seinen Accessoires, er baut förmlich das Bild. In den beiden Klöstern lässt sich nichts konstruieren, eine solch situative Fotografie erlaubt nicht, mit künstlichem Licht zu arbeiten oder gar Menschen oder Gegenstände zu drapieren. Mark nutzte stets nur das vorhandene Tageslicht, das er geduldig abwartete. Er passte sich dem Rhythmus des Klosterlebens an. Wenn die Mönche von zwei bis sechs Uhr morgens beteten, war er zugegen. Der Künstler bekennt sich als Katholik, war zeitlebens neugierig auf spirituelle Welten. Er überlegt lange, bis er sich für das richtige Wort entscheidet, bevor er dann antwortet. So als sei er auch da auf Motivsuche, als betrachte er das Objekt zunächst aus verschiedenen Perspektiven, bevor er auf den Auslöser drückt.

Dass er religiös sei, habe ihm geholfen, bei den Nonnen und Mönchen akzeptiert zu werden. "Ich fühlte mich bald als Teil eines großen Ganzen, das Gefühl, als störend wahrgenommen zu werden, nimmt mit der Zeit ab." Dezent fotografierte er einmal aus fünf Meter Entfernung vom Altar eine betende Frau mit Kopftuch, die ihren Blick nach links wendete. Um sie nicht mit der Kamera abzulenken, fotografierte er sie von einem unteren Winkel aus. Das sah die Stavrophorin und bedeutete einer Schwester, Mark nach vorne zu bitten, damit er vor dem Altar fotografieren könne. Das war ein deutliches Zeichen an die Gläubigen, wie willkommen in dem Kloster Marks Arbeit war. Im Männerkloster richtete er einmal seine Kamera ein und übergab sie einem Bruder, der befugt war, den Altarraum zu betreten. Er lichtete für Mark das Allerheiligste ab, das weltliche Fotografen niemals zu Gesicht bekommen.

Ist das Kloster frei von allen weltlichen Anfechtungen? Zu wechselvoll war die Geschichte in Rumänien, einem Land, das sowohl unter kommunistischer als auch nationalsozialistischer Gewaltherrschaft litt. Die Sowjets nutzten die Kirchen als Ställe, die Nazis zerstörten die Synagogen: Hätte Rumäniens Diktator Nicolae Ceauşescu nicht die Klöster nach langer Zeit doch noch restauriert, um ausländische Bildungsreisende mit harter Währung anzulocken, gäbe es die dortige starke Volksfrömmigkeit nicht mehr. Die Gebetsformel und Lieder erklingen in einer archaischen Tonalität, die sich jeder Modernisierung entzieht – auf Rumänisch, der Sprache der autokephalen orthodoxen rumänischen Kirche.

Die Ausstellung mit dem Titel "Bukowina Klöster Leben" wurde zunächst in Suceava in der Bukowina vorgestellt, gegenwärtig ist sie in Vaduz zu sehen, im Herbst kommt sie nach Berlin. Der dazugehörige Bildkatalog ist dreisprachig, die Texte in Rumänisch, Deutsch und Englisch verfasst.

Dass dieser außerordentliche religiöse Kosmos überlebt, davon ist der Fotograf überzeugt. "Ich habe in den beiden Klöstern an die 800 Bilder geschossen", sagt Mark. "Ich könnte sie in zehn Jahren genauso machen, wie ich sie vor zehn Jahren hätte machen können. Das Leben dort wird überdauern, schon wegen der Stille, die von dieser Lebensform ausgeht." Und diese Stille schwebt über allen Dingen.

Es ist zudem die Autarkie, die diese Menschen stark macht und die auch junge Gläubige anzieht, ein Leben im Kloster zu führen. Die Mönche erhalten zwar zum Beispiel Öl als Essensspenden von den Gläubigen. Ansonsten gilt: Das Brot wird selbst gebacken, das Gemüse für die Suppe kommt aus dem heimischen Garten. Paprika, Tomaten, Knoblauch und Zwiebeln, Kräuter, Kartoffeln und Hirse werden selbst gezogen. Gelegentlich kommt ein Fisch aus dem nahen Bach. Ein Eremit, der drei Kilometer vom Mönchskloster lebt, hütet die Kühe und Schafe und stellt den Käse her. Das Fleisch kommt von selbst aufgezogenen Schweinen und Kälbern, auch Milch und Butter werden für den Eigenbedarf hergestellt. Oliver Mark begegnete Speisen mit einer geschmacklichen Intensität, die er nur aus Kindertagen zu kennen glaubt.

Der Betrachter dieser Bilder fragt sich: Sind diese Ordensleute aus der Zeit gefallen oder gar über sie erhaben? Wahrscheinlich ist es die Gegenwärtigkeit Gottes, die sie aus ihrer Zeit heraushebt. Sie macht sie immun gegen Attraktionen dieser Welt, aber dennoch bleiben sie durchlässig für die Bedürfnisse der Menschen, die an die Klosterpforte klopfen. Und manchmal schaffen sie auch ganz profane Wunder: In beiden Klöstern war Rauchen untersagt. Oliver Mark hat sich als Raucher an das Verbot gehalten und seitdem nicht wieder damit angefangen.