Die Zeit machen wir später aus

Über

Von der Ver­mes­sung urban­er Trans­form­a­tion­sprozesse:

Mein von 1986 bis heute reichendes Ber­liner Lang­zeit­pro­jekt zeigt die Stadt als gebaute Struk­tur gesell­schaft­lich­er Ver­än­der­ungen und als Raum des per­man­en­ten Übergangs.

Es gibt ein Bild in meinem Archiv, das wie ein his­tor­isches Dok­u­ment aus ein­er fernen Epoche wirkt, obwohl es die struk­turelle Basis dieses ges­amten Pro­jekts in sich trägt. Es stam­mt vom 10. Juli 1986. Ich war dam­als gerade zwei­un­dzwan­zig Jahre alt, stand in der Ebertstraße und blickte durch den Such­er mein­er Kam­era auf das Branden­bur­ger Tor,  jenes frühk­lassizistische Monu­ment, das Carl Got­thard Langhans zwis­chen 1788 und 1791 im Auftrag des preußis­chen Königs Friedrich Wil­helm II. errichtete, gekrönt von Johann Gottfried Schad­ows Quad­riga aus dem Jahr 1793. Doch im Som­mer 1986 präsen­tierte sich mir das Tor unnah­bar, eingemauert, block­iert durch das ikon­is­che Schild „Achtung! Sie ver­lassen jet­zt West-Ber­lin“. Dam­als, inmit­ten der Isol­a­tion der geteil­ten Stadt, begann ein Vorhaben, dessen dok­u­ment­ar­ische Trag­weite sich heute in sein­er jahrzehn­telan­gen Kontinu­ität offen­bart. Unter dem Titel „Die Zeit machen wir später aus“ erlaufe ich mir seither diese Stadt. Was ich in den achtzi­ger Jahren im körni­gen, ana­lo­gen Filmver­fahren begann, ein­er Foto­grafie, die durch ihre fein­en Sil­ber­partikel im Papi­er eine bei­nahe gre­if­bare, raue Tex­tur besitzt , set­ze ich im digitalen Zeit­al­ter als präzise Chronik eines per­man­en­ten Über­gangs fort.

Dass dieses Porträt Ber­lins auch eph­emere, künst­liche Räume einsch­ließt, zeigt eine kon­sequente Aus­nahme des Pro­jekts: Ein­ige wenige Auf­nah­men entstanden außer­halb der eigent­lichen Stadtgren­zen im Stu­dio Babels­berg in Pots­dam, wie mein Werk „Ber­liner Straße, Stu­dio Babels­berg, 29.04.2013“. Die dortige „Alte Ber­liner Straße“, 1998 als Kulisse für den Film Sonnen­allee errichtet, diente über 15 Jahre als wand­lungs­fähiges, urbanes Trug­b­ild des Stu­di­os, bevor sie Ende 2013 abgeris­sen wurde. Meine Dok­u­ment­a­tion dieses Pro­vis­ori­ums kurz vor dem Abbruch fängt das Wesen des Ber­liner Raums ein, wie ich es über­all erlebe: das ständige Entstehen und Verschwinden.

Meine Meth­ode ist die der sen­sor­ischen Bege­hung. Ich inszen­iere diese Orte nicht künst­lich und ver­zichte auf addit­ive Dram­at­is­ier­ung vor Ort. Den­noch han­delt es sich um eine dez­idiert künst­lerische Arbeit: Durch das bewusste Wäh­len des Aus­schnitts, das Erfassen spezi­fis­cher Licht­s­tim­mun­gen und die konzep­tion­elle Reihung trans­formiere ich dok­u­ment­ar­ische Real­ität in eine ästhet­ische Reflex­ion über den Raum. Dieser Prozess ents­prang ein­er­seits meinem tiefen Interesse an der Stadtgeschichte und den rasanten Umbrüchen nach der Wende. Ander­er­seits war das per­man­ente Erlaufen der Stadt für mich auch eine phys­is­che Not­wendigkeit, sch­licht Bewe­gung für mein­en eigen­en Körp­er, sow­ie eine fortlaufende Recher­che: ein Aus­loten der urban­en Dynamik, um poten­zi­elle Kulis­sen für meine später­en Porträtauf­nah­men zu entdecken.

Jahrelang bewegte ich mich dafür vor allem im Radi­us meines Stu­di­os am Tem­pel­hofer Ufer 36. Zwis­chen 2010 und 2022 wurde diese ver­traute Umge­bung zu meinem seis­mo­grafis­chen Labor. Seit 2022 bis heute betreibt ich mein neues „Stu­dio in the Sky“ von Ber­lin-Mitte aus. Dement­s­prechend hat sich in den let­zten Jahren auch der geo­grafis­che Schwer­punkt mein­er Straßenauf­nah­men weit­er ver­la­gert; ich konzentri­ere mich nun ver­stärkt auf die dynamis­chen urban­en Quart­iere im Osten der Stadt, ins­beson­dere im Bezirk Friedrich­shain. Diese topo­grafis­che Ver­schiebung spiegelt meine kontinu­ier­liche Aus­ein­ander­set­zung mit den sich stetig ver­schiebenden Zen­tren des städtischen Wan­dels wider.

Beson­ders die Jahre der Pandemie schärften mein­en Blick für das Ver­hält­nis von Indi­vidu­um und Raum. Meine Bilder wer­fen für mich fun­da­mentale soziok­ul­turelle Fra­gen auf: Wie nutzen wir den städtischen Raum? Was ist der wahre gesell­schaft­liche und private Nutzen von Architek­tur? Wenn die urban­en Räume primär nach Kri­ter­i­en des rein privaten Vorteils, des Besitzes und der strikten mater­i­el­len Ver­wer­tung gestal­tet wer­den, spiegeln sie eine Ori­entier­ung am bloßen Haben wider. Sie führt unwei­ger­lich zu Ver­ein­ze­lung, Abgren­zung und inner­er Ent­frem­dung. Ich möchte mit mein­en Foto­grafi­en auf dieses sub­tile Span­nungs­feld ver­weis­en, zwis­chen einem rein zweck­ori­entier­ten Raumcharak­ter und dem mensch­lichen Bedür­fnis nach einem gestal­teten Lebens­raum, der dem gemeinsch­aft­lichen Nutzen, der Ent­fal­tung, der Lebendigkeit und dem zwis­chen­mensch­lichen Sein dient.

1. Architek­ton­is­che Aspekte: Der Raum des Übergangs

Die Architek­tur ist in mein­er Arbeit sel­ten ein rein ästhet­ischer Hin­ter­grund. Sie ist für mich der phys­is­che Aus­druck von gesell­schaft­lichen Trans­form­a­tion­sprozessen. Mich interessier­en die Transiträume, die Großbaus­tel­len und die Durchgang­s­räume, die durch ständige Mod­ern­is­ier­ung entstehen. Dabei habe ich eine aus­ge­prägte Vorliebe für unter­schied­liche architek­ton­is­che Epochen und Strömun­gen entwick­elt. So halte ich die skulp­turale Post­mo­d­erne der Inter­na­tionalen Bauauss­tel­lung (IBA 1987) fest, wie John Hej­duks ber­üh­mten Kreuzberg Tower samt den charak­ter­istischen Flü­gel­bauten („Bessel­straße, 09.04.2020 – 05:17“), ebenso wie die his­tor­ischen Schicht­en des Klassizis­mus von Karl Friedrich Schinkel im Umfeld des Wer­der­schen Marktes („12.12.2025 – 14:32“).

Gleichzeit­ig zieht es mich immer wieder zu den rauen, funk­tionalen Beton­struk­turen des Bru­tal­is­mus und der Nach­kriegs­mo­d­erne. Dies zeigt sich eindring­lich in mein­er Auf­nahme vom Hinden­bur­g­damm („30.08.2020“), die den skulp­turalen, wehrhaften Körp­er des ehem­a­li­gen Zen­t­ralen Tier­lab­or­at­or­i­ums der Freien Uni­versität, bess­er bekan­nt als „Mäuse­bunker“  fok­ussiert. Auch die indus­tri­elle Mod­erne fin­d­et Eingang in mein Pro­jekt, etwa an der Rein­ickendorfer Straße („15.03.2020 – 09:56“) oder in der Gott­sched­straße („12.04.2020 – 16:45“), wo ich das markante Bauensemble der ehem­a­li­gen Rotaprint-Fab­rik (heute ExRo­taprint) auf­gen­om­men habe. Am Messedamm („15.02.2026 – 11:41“) steht das ICC Ber­lin (Inter­na­tionales Con­gress Centrum): jene ikon­en­hafte High-Tech-Architek­tur, die vom Architek­ten-Ehep­aar Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte ent­wor­fen wurde und wie ein skulp­turaler Solitär im Stadtraum verharrt.

In den im digitalen Zeit­al­ter entstanden­en Arbeiten wie „Flughafen Tegel, 09.04.2020 – 17:16“ und mein­er jünger­en Auf­nahme „Alex­an­der­platz, 16.02.2026 – 13:24“ dok­u­mentiere ich den forts­chreit­enden bau­lichen Wan­del der Stadt. Ich blicke auf funk­tionale Großbaus­tel­len, Absper­rungen und sich ver­ändernde urbane Knoten­punkte, auf den­en sich Schicht­en von Altem und Neuem über­la­gern. Diese Flächen zei­gen die phys­is­chen Zwis­chen­stadi­en mod­ern­er Stadtentwicklung. Dass Investoren­ar­chitek­tur vorder­gründig nach Kri­ter­i­en der funk­tionalen Eff­iz­ienz, der ener­get­ischen Opti­mier­ung und der öko­nomis­chen Flächen­max­i­mier­ung gestal­tet wird, ist eine mark­tüb­liche Real­ität. Ich nutze meine Kam­era hier auch strategisch: Meine Foto­grafi­en geben für eine kur­ze Zeit ein­en spezi­fis­chen Blick auf die urban­en Achsen frei, bevor neue bau­liche Gegeben­heiten und Riegel diese Sicht­fen­ster dauernd wieder versperren.

2. Zwis­chen Zweck­mäßigkeit und Identität

In dieser mod­ernen Bauwelt wird eine fun­da­mentale Dimen­sion oft ver­nachlässigt: die emo­tionale und psy­cho­lo­gis­che Ästhet­ik kurz, die Erzeu­gung von Gebor­gen­heit, Iden­tität und seel­is­chem Wohl­befind­en durch die gebaute Umwelt. Während Kri­ter­i­en wie funk­tionale Zweck­mäßigkeit meister­haft erfüllt wer­den, bleibt die tiefere, sinn­liche Erfahrung von Räu­men, die eine echte gemeinsch­aft­liche Ver­bund­en­heit zulässt, oft auf der Strecke. Architek­tur wird so auf reine Zweck­mäßigkeit und stand­ard­is­ierte „Schachtel­bauten“ reduziert, wie ich es exem­plar­isch in der Euro­pa­city fest­ge­hal­ten habe („Heidestraße, 25.12.2021 – 12:05“). Die Bauzäune und Absper­rgit­ter auf mein­en Bildern machen diese Abgren­zung und Isol­a­tion des Raumes sichtbar.

3. Die entleerte Stadt: Pro­tokolle ein­er Krise

Die Auf­nah­men aus dem ersten Corona-Lock­downs im Früh­jahr 2020 dok­u­mentier­en die radikale Entleer­ung des öffent­lichen Raums. In den frühen Mor­gen­s­tun­den oder im späten Abend­licht hielt ich Orte wie die Paul-Hey­se-Straße oder die Schloßstraße in ein­er extremen, unheim­lichen Leere fest. Die visuelle Struk­tur dieser Bilder zeigt das Res­ultat tem­porärer staat­lich­er Ver­or­d­nun­gen, die den phys­is­chen Kon­takt min­i­mier­en sollten.

Die ver­traute Architek­tur wan­delte sich in diesen Momenten vom sozialen Interak­tion­sraum zum rein­en Trans­it- und Isol­a­tion­sraum. Indem ich die ver­lassen­en Straßen­flucht­en unver­fälscht dok­u­mentierte, porträtiere ich den Zus­tand der Gesell­schaft durch die tem­porär ungen­utzte Hülle der Stadt. Es ist das Dok­u­ment ein­er Phase, in der das Bedür­fn­iswesen Mensch auf eine dis­tan­zierte, unper­sön­liche Bez­iehung zu sein­er Umwelt zurück­ge­wor­fen war – ein Zus­tand unprodukt­iver Ver­ein­ze­lung, in dem das Sub­jekt von sein­en lebendi­gen Bezü­gen zur Mit­welt iso­liert is

4. Der geo­grafis­che Radi­us: Vom Tem­pel­hofer Ufer nach Friedrichshain

Ich habe mir diese Stadt im wahr­sten Sinne des Wor­tes erlaufen. Dieser Prozess ents­prang dem Interesse an der Stadtgeschichte, war für mich aber auch eine phys­is­che Not­wendigkeit, sch­licht Bewe­gung für mein­en eigen­en Körp­er und eine fortlaufende Recher­che nach Orten für meine Porträtauf­nah­men. In den späten achtzi­ger Jahren zog es mich in die „toten Winkel“ West-Ber­lins, zu den indus­tri­el­len Anla­gen des West­hafens in Moabit oder den Kreuzber­ger Nis­chen in unmit­tel­barer Mauernähe, wo die Zeit stillzustehen schien.

Zwis­chen 2010 und 2022 wurde das Umfeld meines Stu­di­os am Tem­pel­hofer Ufer 36 zum seis­mo­grafis­chen Labor. Seit 2022 bis heute betreibe ich mein neues „Stu­dio in the Sky“ von Ber­lin-Mitte aus. Dement­s­prechend hat sich in den let­zten Jahren auch der geo­grafis­che Schwer­punkt mein­er Straßenauf­nah­men weit­er ver­la­gert; ich konzentri­ere mich nun ver­stärkt auf die dynamis­chen urban­en Quart­iere im Osten der Stadt, ins­beson­dere im Bezirk Friedrich­shain. Diese topo­grafis­che Ver­schiebung spiegelt meine kontinu­ier­liche Aus­ein­ander­set­zung mit den sich stetig ver­schiebenden Zen­tren des städtischen Wan­dels wider. Selbst künst­liche Räume wie die „Alte Ber­liner Straße“ im Stu­dio Babels­berg – 1998 errichtet, 2013 abgeris­sen – wur­den Teil dieser Chronik des Entstehens und Verschwindens.

5. Schmidt, Struth und die eigene Perspektive

Das Lang­zeit­pro­jekt ver­steht sich auch als Dia­log mit den Tra­di­tion­en der Ber­liner Stadtfo­to­grafie. Während Michael Schmidt in Zyklen wie „Waf­fen­ruhe“ (1987) das geteilte Ber­lin mit dok­u­ment­ar­ischer Härte und existen­zi­eller Düster­keit fes­thielt, konzentri­ere ich mich auf die Trans­form­a­tion der Geg­en­wart und die schleichende Öko­nom­is­ier­ung des Stadtraums. Thomas Struth wie­der­um nähert sich in sein­en „Unbe­wussten Orten“ menschen­leer­en Straßen­flucht­en mit ein­er streng konzep­tuel­len, klin­isch dis­tan­zier­ten Zen­t­ralp­er­spekt­ive, um glob­ale Struk­turen zu ver­gleichen. Meine Auf­nah­men bleiben im Gegensatz dazu bio­grafisch und emo­tion­al enger an Ber­lin gebunden. Sie sind die intimer­en Ent­deck­un­gen eines Flan­eurs, der den Ver­drän­gung­s­prozess der Stadt unmit­tel­bar im All­tag erfährt.

Aus­blick

Am Ende wirft „Die Zeit machen wir später aus“ uns auf uns selbst zurück. Wohin flüchtet das zeit­genöss­is­che Sub­jekt? Ein Sys­tem, das die gebaute Umwelt rein auf mater­i­el­len und iso­lier­ten Nutzen reduziert, lässt den städtischen Raum inner­lich leer zurück. Der beste Beweis für den seel­is­chen Zus­tand ein­er Gesell­schaft sind wohl ihre Träume, denn Träume sind unmit­tel­bare Einsicht­en in das kollekt­ive Unbewusste.

Meine Foto­grafi­en funk­tionier­en wie genau diese Träume ein­er Stadt: Sie spiegeln die unter­drück­ten Äng­ste vor dem Iden­titäts­ver­lust und vor ein­er totalen, unper­sön­lichen Ver­ein­ze­lung im urban­en Raum wider. Indem ich die per­man­ente Baus­telle Ber­lin als Zus­tand des ewi­gen Über­gangs präsen­tiere, zwingt uns das Pro­jekt zu der wesent­lichen Frage, welche Qual­itäten wir in den Fun­da­men­ten unser­er Zukun­ft ver­ankern wollen: den rein privaten, iso­li­er­enden Besitz oder das gesell­schaft­liche Wach­stum und die Entwicklung ein­er solid­ar­ischen Gemeinsch­aft. Die Zeit, so scheint es, können wir eben nicht erst später aus­machen. Sie läuft uns bereits davon.