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Georg Maria Roers SJ , Berlin 2022

Das Wagnis des Loslassens
Das Verhältnis von zeitgenössischer Kunst und Kirche ist historisch komplex. Dass dieser Dialog im säkularen Berlin produktive Impulse freisetzen kann, sollte das Ausstellungsprojekt „Collaborations I“ im Frühjahr 2022 in der Romano Guardini Galerie zeigen. Die Schau basierte auf einer Kooperation zwischen mir und dem Jesuitenpater Georg Maria Roers SJ, dem Kunstbeauftragten des Erzbistums Berlin. Das Projekt verhandelte im Kern eine fundamentale Frage: Wer besitzt die Hoheit über das Bild?
Die Guardini Stiftung bot den konsequenten Resonanzraum, da sich die Institution als Forum für den Austausch zwischen Glaube, Wissenschaft und Kultur versteht. Pater Roers, mit dem mich ein langjähriger Dialog verbindet, er verfasste bereits 2019 für mein Buch „No Show“ den Essay „der mensch ≠ animal rationale“, lud mich zu dieser Konzeption ein. Für mich bedeutete das Projekt eine programmatischen Grenzüberschreitung: Ich überließ mein fotografisches Archiv dem Eingriff Dritter.
Die Versuchsanordnung folgte einem strikten Prinzip. Ich übergab 60 zeitgenössischen Künstlern, darunter Saâdane Afif, Karin Sander, Thomas Scheibitz und Isa Melsheimer Fotoabzüge zur materiellen Intervention. Das Ausgangsmaterial wurde in deren Ateliers bearbeitet. Durch diese Demontage der fotografischen Oberfläche verlor das Primärwerk seine dokumentarische Eindeutigkeit. Es entstanden hybride Artefakte an der Grenze zur Malerei und Skulptur.
Indem Pater Roers das Vorhaben im Raum einer kirchlich geprägten Stiftung institutionalisierte, wurde das Zurücktreten des eigenen künstlerischen Egos zu einer Reflexion über Demut im kreativen Prozess. Die Kooperation bewies, wie sakraler Diskurs und profanes Kunstsystem eine inhaltliche Synthese eingehen können.
Innerhalb dieses Zyklus nimmt das Porträt „Georg“ (2022) eine Sonderstellung als visuelles Manifest ein. Für die Aufnahme wählte ich die Marienkapelle der römisch-katholischen Pfarrkirche St. Canisius in Berlin-Charlottenburg, um den Geistlichen im liturgischen Chormantel (Pluviale) festzuhalten.
Die Zäsur erfolgte durch eine skulpturale Maske von Isa Melsheimer. Mit diesem Eingriff verschwand das Gesicht hinter der künstlerischen Intervention. Was blieb, war die liturgische Hülle, überlagert von einer avantgardistischen Form. Theologisch stellte diese Auslöschung der Physiognomie für Roers ein stimmiges Statement dar: Die Maskierung nimmt das persönliche Ego des Priesters zugunsten seiner Funktion als Werkzeug eines unsichtbaren Mysteriums zurück. Das Bild verhandelt das Paradoxon einer präsenten Abwesenheit.
Als Nebenprodukt entstand parallel eine ungefilterte Aufnahme, das Porträt ohne Maske, welches hier dokumentiert ist. Es bildet das reale Gegenüber zu Melsheimers dekonstruierter Version und vervollständigt den Zyklus aus Verhüllung, Selbstrücknahme und der Freilegung des Kerns.







