• Bischof Gerhard Feige in der Kathedrale Magdeburg, 2026 – Werkbericht

    Zu meinen Fotografien von Bischof Gerhard Feige in der Magdeburger Kathedrale St. Sebastian

    Bischof Gerhard Feige vor den Außenflügeln des spätgotischen Altarwerks mit den Darstellungen des heiligen Hieronymus und Antonius in der Bischofskirche St. Sebastian zu Magdeburg.

    I. Kon­text und Entstehung

    Wenn ich mich als Porträt­fo­to­graf in ein­en sakralen Raum begebe, bewege ich mich unwei­ger­lich im Span­nungs­feld zwis­chen kirchen­his­tor­ischer Ikono­graph­ie und der pro­fan­en Real­ität der Per­son, die vor mein­er Kam­era steht.

    In mein­en zwei Porträts des Mag­de­bur­ger Bis­chofs Ger­hard Feige ging es mir nicht primär dar­um, ein kirch­liches Amt abzu­bilden. Viel­mehr woll­te ich das Ver­hält­nis von Per­son, Raum und polit­ischer Geg­en­wart aus mein­er Per­spekt­ive unter­suchen und reflektier­en.
    Ich habe diese Auf­nah­men als Teil meines Lang­zeit­pro­jekts „Dazwis­chen­sein“ konzipiert, in dem ich Akteure des öffent­lichen Lebens porträtiere, die den Diskurs über die plurale Demokratie mitgestalten.

    Der konkrete Impuls für diese freie Arbeit ging für mich von einem Inter­view Feiges im Deutsch­land­funk aus. Unter dem Titel „Bis­chof Feige: Die AfD spricht uns das Christ­sein ab“ artikulierte sich für mich eine Hal­tung, die weit über eine tagespolit­ische Pos­i­tionier­ung hinausreicht.

    Ich sah dar­in den Aus­druck eines tiefer­en mor­al­is­chen Bewusst­seins: ein Han­deln, das aus einem inner­en Gleichgewicht heraus erfol­gt und für mich die Qual­ität eines Nat­urge­heim­n­isses besitzt, weil es eben nicht auf äußer­en Effekt abzielt, son­dern der eigen­en inner­en Wahrheit entspringt.

    Bereits in mein­er Kom­munika­tion vorab mit dem Büro des Bis­chofs hatte ich eine klare gestal­terische Bitte geäußert: Ich woll­te unbedingt eine Auf­nahme in ein­er schwar­zen Sutane und eine Auf­nahme im Chor­man­tel machen.

    Die eigent­liche künst­lerische Heraus­for­der­ung begann für mich jedoch erst vor Ort. Als Foto­graf suche ich immer nach ein­er Per­spekt­ive, die weit­ge­hend ungese­hen ist.

    Das gilt für Gebäude, die erst 50 oder 100 Jahre alt sind, ebenso wie für eine his­tor­ische Stätte wie die Kathed­rale St. Sebasti­an in Mag­de­burg, der­en grundle­gende His­tor­ie bereits bis in das Jahr 1015 zurückreicht.

    Die Entstehung der Foto­grafi­en basierte dah­er auf mein­er intens­iven, zweie­in­halb­stündi­gen Bege­hung, bei der ich ver­suchte, den Raum und seine Architek­tur sen­sor­isch zu erfassen.

    Ich woll­te keine künst­liche Inszen­ier­ung schaf­fen, son­dern mir ging es um die Erarbei­tung ein­er visuel­len Ents­prechung zu Feiges theo­lo­gis­cher und gesell­schaft­lich­er Hal­tung. Ich woll­te den Menschen ganz in den Mit­telpunkt stellen.

    Dieser Prozess ver­weist auf ein Ver­ständ­nis von „Akt­iv­ität“ im Sinne des Psy­cho­ana­lytikers Erich Fromm, das auch mein eigenes Arbeiten prägt: Akt­iv zu sein bedeutet für mich hier­bei nicht, bloß beschäftigt oder produkt­iv im äußer­en Sinne zu sein, son­dern aus dem eigen­en Inner­en heraus schöp­ferisch, lebendig und bezo­gen auf die Welt zu handeln.

    Erst dieses akt­ive Sin­ner­leben ermög­lichte mir den gestal­terischen Dia­log mit der his­tor­ischen Aus­stat­tung. Ich entschied mich bewusst dafür, die Außen­flü­gel des spät­got­ischen Altar­werks mit den Darstel­lungen der hei­li­gen Hieronymus und Ant­onius des Großen sow­ie die pat­inierte Kup­fer­tür zur Sakristei als Rah­mung zu wäh­len.
    In diesem fein aus­tar­ier­ten Zusam­men­spiel der beiden Arbeiten woll­te ich visuell das gre­if­bar machen, was Feige wieder­holt für die Situ­ation der Kirche in der ostdeutschen Dia­spora for­mu­liert hat: das Wirken als „schöp­ferische Mind­er­heit“ – ein bewusstes Han­deln aus dem Ver­borgen­en heraus.

    II. Bil­draum und polit­ische Symbolik

    Für das erste Porträt veror­tete ich Bis­chof Feige im Altar­raum direkt hinter dem spät­got­ischen Schnitz- und Flü­gelal­tar aus den Jahren 1510–1520. Ich hatte mich mit der Geschichte dieses Kunstwerks beschäftigt, das ursprüng­lich für die Dor­fkirche in Pol­leben bei Eisleben gefer­tigt wurde und erst durch his­tor­ische Umgestal­tun­gen im 19. Jahrhun­dert nach Mag­de­burg gelangte.

    Nach den schwer­en Zer­störungen im Dreißigjährigen Krieg und der zeit­weis­en Zweck­ent­frem­dung der Kathed­rale als Bran­nt­wein- und Mil­itär­la­ger war die mit­telal­ter­liche Innenaus­stat­tung weit­ge­hend ver­loren. Im Zuge der Rekon­struk­tion wurde der prächtige Wan­delal­tar als his­tor­isches Ver­satz­stück integriert.

    Ich foto­grafierte diese Kulisse mit ein­er extremen Weitwinkel­bren­n­weite von 23 mm. Um stürzende Lini­en und per­spekt­iv­is­che Verzer­rungen des hohen Raumes zu min­i­mier­en, wählte ich eine leicht erhöhte Kam­era­pos­i­tion aus der Ober­sicht. Dadurch kon­nte ich die ver­tikalen Struk­turen des Altar­werks achsensym­met­risch im Lot halten.

    Bei der Lichtre­gie set­zte ich auf eine präzise Bal­ance zwis­chen Blitz- und Umge­bungs­licht. Eine lange Belich­tung­szeit von 1/5 Sekunde bei Blende f/10 und ISO 200 machte für mich die Ver­wendung eines Stat­ivs erforderlich.

    Während ich mit einem großen Licht­former von rechts das Altarblatt des hei­li­gen Ant­onius des Großen har­mon­isch in die Kom­pos­i­tion ein­band, trennte ich mit einem präzise geset­zten Spitz­licht von hin­ten links die Kon­tur des Bis­chofs scharf vom his­tor­ischen Hintergrund.

    Die lange Ver­schlusszeit half mir, das gelb-goldene Raum­licht der Kathed­rale san­ft mitleucht­en zu lassen. In der christ­lichen Ikono­graph­ie steht Gold tra­di­tion­ell für Transzendenz; mir diente es hier zudem als struk­tur­i­er­endes Ele­ment im Bildraum.

    Inner­halb dieser Bildkom­pos­i­tion stell­te ich ein­en polit­isch les­bar­en Far­bakkord fest, der sich mir fast organ­isch erschloss: Das tiefe Schwarz der bis­chöf­lichen Sutane bil­det die farb­liche Basis. Hori­zont­al wird diese durch das viol­ett-röt­liche Zin­gu­lum unter­brochen, während das Umfeld im gelb-golden­en Licht erstrahlt.

    Es entstand vor meinem Auge die Far­breihe Schwarz-Rot-Gold. Im Kon­text von Feiges öffent­li­chem Auftre­ten gegen recht­sex­treme Kräfte in Sach­sen-Anhalt lese ich mein eigenes Bild als ein visu­al­isches Mani­fest des demokrat­ischen Widerstands.

    Das Porträt zeigt für mich den Bis­chof, dessen linke Hand med­it­at­iv das Brustkreuz ber­ührt, als Repräsent­anten ein­er insti­tu­tion­el­len und mor­al­is­chen Konstante.

    Bischof Gerhard Feige vor Kupfertür zur Sakristei in der Bischofskirche St. Sebastian zu Magdeburg.

    III. Das Prin­zip der schöp­ferischen Minderheit

    Das zweite Porträt an der Kup­fer­tür zur Sakristei bra­ch ich bewusst mit der dis­tan­zier­ten, raum­gre­ifenden Per­spekt­ive des ersten Bildes. Ich nahm es auf Augen­höhe des Bis­chofs mit ein­er Bren­n­weite von 31 mm auf, um eine unmit­tel­bare visuelle Kon­front­a­tion zu etablier­en, die den Betrachter in ein nahes Zwiege­spräch zwingt.

    Die tech­nis­che Aus­leuch­tung gestal­tete ich hier reduziert­er und kon­trastreich­er. Ich set­zte ein steiles Haupt­licht aus ein­er kom­pak­ten Soft­box rechts über dem Kopf ein, was eine aus­ge­prägte Schat­ten­bildung erzeugte und die Augen­partie des Porträtier­ten tief­gründig verschattete.

    Ein­en gez­iel­ten Spot im linken unter­en Bild­drit­tel nutzte ich par­al­lel dazu, um die abso­lute Dunkel­heit des Gewandes aufzubrechen.

    Die pat­inierte Kup­fer­tür der Sakristei, architek­ton­isch der Ort des Über­gangs und der inner­en Vorbereit­ung, wählte ich ganz bewusst als mater­i­el­len Hin­ter­grund für dieses Porträt.

    Während meines Lichtauf­baus vor dieser Tür sagte eine Ordensschwest­er, Schwest­er Ther­ese, zu mir: „Das wird kein schönes Foto. Da hat noch nie jemand foto­grafiert.“ Für mich war dieser Ein­wand kein Däm­p­fer, son­dern im Gegen­teil die Bestä­ti­gung und der Antrieb für mein­en Willen:

    Es fest­igte meine Überzeu­gung, dass genau dies der richtige, weil ungese­hene Ort für das Porträt des Bis­chofs war. Nach Beendi­gung der Porträt­sitzung zeigte ich Schwest­er Ther­ese eines der Bilder auf dem Dis­play mein­er Kam­era. Sie betrachtete es und lächelte mir zus­tim­mend zu.

    Im Kon­trast zu der schwer­en, dunklen Tex­tur des geschlossen­en Metalls hob ich den gelb-golden­en Chor­man­tel des Bis­chofs als far­bi­gen Akzent ab. Auch hier ver­weist das Gold für mich auf eine sakrale Dimen­sion inner­halb der pro­fan­en Realität.

    Dieses gestal­terische Span­nungs­feld bil­det für mich die Schnitt­s­telle zu Feiges Idee von Mensch und Gemeinsch­aft in der Dia­spora:
    Es visu­al­is­iert das von mir inter­pretierte, bewusste Han­deln ein­er zah­len­mäßi­gen Mind­er­heit, die ihre gesell­schaft­liche Rel­ev­anz nicht aus numerischer Dom­in­anz ableitet, son­dern aus einem spirituel­len Grundprin­zip, dem Gedanken, dass das Teilen von Freude, Wis­sen und Liebe den eigen­en Besitz nicht schmälert, son­dern ver­mehrt.
    Der anschließende Aus­tausch mit Bis­chof Feige über die polit­ische Situ­ation und seine klar­en Worte zur AfD haben mich nach­haltig beeindruckt; es hat mich zutiefst gefreut, im Rah­men mein­er foto­grafis­chen Arbeit ein­en Ort der echt­en Begegnung und des ehr­lichen Aus­tauschs mit ihm gefun­den zu haben.

    IV. Die Würde des Übergangs

    Bis­chof Feige hat im Hin­blick auf die Vol­lendung seines 75. Lebens­jahres am 19. Novem­ber 2026 Papst Leo XIV. gemäß dem Kirchen­recht um die Ent­p­f­lich­tung von sein­en Aufgaben als Diözes­an­bis­chof gebeten.

    Dieses Wis­sen ver­lei­ht den Auf­nah­men im Nach­hinein eine noch tiefere, fast his­tor­ische Dimen­sion. Ich sehe dar­in das Dok­u­ment eines his­tor­ischen Über­gangs an der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt.

  • Umberto Eco in seiner Arbeitsbibliothek, Mailand, 2011

    Porträt des itali­en­is­chen Schrift­s­tellers und Philo­sophen Umberto Eco, auf­gen­om­men am 5. Juli 2011 in dessen Mailänder Wohnung. Die Foto­grafie zeigt den Autor in sein­er Arbeits­bib­lio­thek, die zu diesem Zeit­punkt rund 30.000 zeit­genöss­is­che und 1.500 anti­ke Bände umfasste. Die Arbeit entstand anläss­lich eines Inter­views der Wochen­zei­tung „Die ZEIT“ unter dem Titel „Die Macht der Dum­men“ zum Thema Ver­schwörung­sthe­ori­en, Anti­semit­is­mus und Medi­en­macht, das anläss­lich der deutschen Über­set­zung des Romans „Der Fried­hof in Prag“ geführt wurde.
  • „Balance on Wires“

    Hoischen/Mark „Balance on Wires“ 36,3 x 36,3cm, Endura Metallic C-Print, framed.

    Hoischen/Mark „Bal­ance on Wires“ 36,3 x 36,3cm, Endura Metal­lic C‑Print, framed

  • Jeewi Lee, Berlin 2026

    The artist Jeewi Lee in her Studio.
  • Daniel Barenboim, Berlin 2008

    Fif­teen Minutes of Weightlessness

    Ber­lin, May 2008. The former magazine build­ing of the Staat­sop­er Unter den Linden still breathed the spir­it of the pro­vi­sion­al when I pre­pared the room for a por­trait ori­gin­ally com­mis­sioned by the Amer­ic­an TIME Magazine. For an hour, I arranged the set­ting, checked the light, and searched for an unseen per­spect­ive away from the usu­al maes­tro icon­o­graphy, a per­petu­al search that drives my pho­to­graph­ic work. The actu­al shoot ulti­mately las­ted barely fif­teen minutes. My goal was to break rad­ic­ally with the con­ven­tions of the clas­sic­al cult of geni­us: Daniel Bar­en­boim, one of the most monu­ment­al fig­ures in con­tem­por­ary music his­tory, was to defy any tra­di­tion­al ges­ture of dom­in­ance in my image.

    He does not throne. He hovers.

    I asked the Gen­er­al Music Dir­ect­or to take a seat on an incon­spicu­ous, three-legged white side table. His legs did not reach the floor; they dangled freely in space. It was a pre­cise visu­al punch­line meant to shape my image concept: Bar­en­boim phys­ic­ally meas­ures barely 1.68 meters, yet in this con­scious detach­ment from the found­a­tion, his small stature trans­formed into an almost weight­less grandeur. Not a man made large, because he does not even need the ground beneath his feet to dom­in­ate the space intel­lec­tu­ally and artistically.

    The Dia­lectics of the Prus­si­an Backdrop

    I con­struc­ted the com­pos­i­tion in a strict sym­metry that frames Bar­en­boim with­in the frac­tures of Berlin’s his­tory. On the right side, I framed the image with a clas­si­cist-look­ing column, a cita­tion of Prus­si­an rep­res­ent­a­tion. On the left, on the win­dowsill, I allowed the interi­or to cor­res­pond with the his­tory of the loc­a­tion: his­tor­ic­al record­ing equip­ment from the 1980s and a wooden loud­speak­er ref­er­ence the GDR past of the Paul­ick build­ing, which before the fall of the Ber­lin Wall had served, among oth­er things, as a refuge for the State Secur­ity (Stasi).

    Bar­en­boim him­self reflec­ted pub­licly dur­ing those May days of 2008 on the irony of estab­lish­ing his Daniel Bar­en­boim Found­a­tion pre­cisely here, vis-à-vis the dome of St. Hedwig’s Cathed­ral. With my cam­era, I wanted to cap­ture exactly this his­tor­ic­al inter­im space: the trans­form­a­tion from bur­eau­crat­ic con­fine­ment to a human­ist­ic uto­pia, which years later would cul­min­ate in the found­ing of the Bar­en­boim-Said Akademie and the con­struc­tion of the Pierre Boulez Saal.

    The Lumin­es­cence of Humanism

    Amidst this his­tor­ic­ally charged envir­on­ment, Bar­en­boim seemed curi­ously time­less to me. He was dressed in a deep black suit with a vest, but his bright blue shirt broke the mel­an­choly of the room. I enhanced the nat­ur­al day­light fall­ing through the win­dow only very subtly with a flash from the same dir­ec­tion. This allowed me to guide the viewer’s gaze over the open col­lar dir­ectly into the artist’s face. The tech­nic­al details of the pho­to­graph, exposed on ana­log Kodak film with my Mam­iya medi­um-format cam­era and wide-angle lens, faded entirely into the back­ground for me; they merely served as tools to gen­er­ate the optic­al stretch­ing of the space.

    His hands res­ted relaxed on his thighs. No conductor’s bat­on, no express­ive ges­ture, no stern gaze. Instead, he gave me a slight, almost know­ing smile. It is the smile of a man who has seen through the scores of both power and music. My inten­tion with this por­trait was not to stage the great human­ist of our time as an unap­proach­able myth, but as an artist firmly anchored with­in him­self, pre­cisely because he left the ground­ing of the every­day behind on that white side table.

  • Stefan Hirsig und Oliver Mark, “Die Gestalt und ihr Anderes”

    Stefan Hirsig / Oliver Mark, "Die Gestalt und ihr Anderes" I 69,8 x 50cm, Mixed media on handmade paper on Photography, 2026.

    Stefan Hirsig / Oliv­er Mark, “Die Gestalt und ihr Anderes” I und II, 69,8 x 50cm, Mixed media on hand­made paper on Pho­to­graphy, 2026

  • Matthias Bitzer / Oliver Mark 60 x 46cm, handmade paper on Photography, 2026.